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Die aktuelle Hetze gegen den Islam geschieht vor
dem Hintergrund des “Krieges gegen Terror”,
der massgeblich gegen muslimische Bevölkerungen
ausgetragen wird. Stellvertretend für diese
Gruppe zunehmend angegriffener MigrantInnen werden
Frauen mit islamischem Kopftuch (Hijab), stärker
noch Frauen mit Ganzkörperverschleierung
(Burka, obwohl in der Schweiz kaum präsent)
als Inbegriff des Rückstands diffamiert.

Neben
den Rechten äussern sich auch ein Teil der
Feministinnen dahingehend, muslimische Frauen
genügten dem Standard der Emanzipation nicht.
Öffentlich wird über das Verbot der
Burka, teils auch des einfachen Kopftuchs nachgedacht.
Die CVP-Frauen scheuen sich nicht, ausgerechnet
mit Bundesrätin Eveline Widmer- Schlumpf,
von der SVP-Abspaltung BDB, darüber zu diskutieren.
Es ist ja traurige Wirklichkeit, dass gerade diese
Ministerin verantwortlich ist für die laufend
verschärfte Ausländer-gesetzgebung –
und insbesondere für die nach wie vor für
migrantische Frauen geltende BBewilligung mit
Zweck “Verbleib beim Ehemann”. Fällt
dieser “Aufenthaltszweck” weg, z.B.
in Folge von Scheidung oder auch Todesfall des
Ehemanns, werden die Frauen ausgeschafft! Bisher
sogar samt ihren Kindern mit Schweizer Nationalität.
Hier
liegt auch der Kern der Emanzipationsdebatte:
Sollen Frauen aus anderen Ländern die Möglichkeit
eines gleichberechtigten Leben haben, so gilt
es erst einmal und vor allem, ihnen endlich grundlegende
Rechte zuzugestehen: Eigenständiges Recht
auf Aufenthalt in der Schweiz; Recht auf Anerkennung
ihrer Bildungs-abschlüsse; Recht auf Bildung;
Recht auf Nicht-Diskriminierung bei Arbeit- und
Wohnungssuche…
Mehrere
hundert Mädchen von der Schule entfernt
Und
doch erregt das Kopftuch die Gemüter. Nun
gibt es aber das französische Beispiel des
Gesetzes von 2004 gegen das Kopftuch an der Sekundarschule.
Eine Buchpublikation von 2008 holt ein zentrales
Moment dieser Auseinandersetzung nach, indem den
betroffenen Mädchen und Frauen eine Stimme
verliehen wird.1 Junge Frauen mit Kopftuch
reden über Beweggründe und Erfahrungen.
Es sind oft starke Persönlichkeiten, die
sich so äussern. Manche sind politisch engagiert
auf der linken Seite. Die meisten wollen die bestmögliche
Ausbildung machen, arbeiten – sofern man
es ihnen nicht verunmöglicht! – und
an der Gesellschaft teilhaben. Sie haben versucht,
sich gegen das Antikopftuchgesetz zu wehren: “Es
ging nicht mehr um Religion, sondern um Würde
und Stolz”. Was sie aber berichten über
Anfeindungen, in einigen Fälle selbst physischer
Art, ist erschütternd: Auf der Strasse, in
der Schule, am Arbeitsplatz, bei der Arbeitsuche,
in den Läden und im öffentlichen Verkehr.
Sie sagen, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen.
Sie sprechen sich gegen den Zwang zum Tragen des
Kopftuches aus. Zwei Mitherausgeberinnen des Buches,
beides Kopftuchträgerinnen, erzählen
von ihrer Vermittlungstätigkeit zum Schutz
von Mädchen gegen ihre Eltern, die ihnen
das Kopftuch vorschreiben wollten (ihrem Urteil
nach ist das aber in Frankreich nicht die Regel).
Auch erzählen sie von der unsäglichen
Behandlung, die sie von manchen politischen Frauen-gruppierungen
erleiden mussten, als sie sich an feministischen
Mobilisierungen beteiligten (insbesondere im Rahmen
der Marche mondiale des femmes) mit der von ihr
gegründeten Gruppe namens «Collectif
des féministes pour l'égalité».
Frauen
und Mädchen sind der Meinung, dass der Diskurs
über ihre “Unterdrückung”
durch das Kopftuch an sich dazu beiträgt,
ihnen ihre Rechte vorzuenthalten, insbesondere
das Recht auf Bildung (das französische Gesetz
gegen “ostentative religiöse Zeichen”
von 2004 hatte zur Folge, dass 48 Mädchen
von der Sekundarschule ausgeschlossen wurden;
ungefähr 60 unterzeichneten ein Schreiben
zum “freiwilligen” Schulaustritt,
das sind jene, die das Prozedere mit Disziplinarverfahren
und Ausschluss nicht auf sich nehmen wollten;
auf mehrere hundert wird die Zahl jener Mädchen
geschätzt, die sich nach dem im Frühjahr
2004 verabschiedeten Gesetz gar nicht mehr für
die nächste Schuljahr anmeldeten). Die Schülerinnen
von damals erzählen von der Demütigung,
vor dem Schultor das Kopftuch ausziehen zu müssen,
unter den Augen der auflauernden Schulleitung.
Sie berichten auch von ironischen oder spöttischen
Aussagen des Lehrkörpers (“Nächstes
Jahr weiss ich endlich, ob du braune oder blonde
Haare hast!”, “Siehst du, so schwer
war es doch gar nicht, das Kopftuch abzulegen”),
die teils auch offen aggressiv ausfielen (“Zum
Glück bist du nicht mein Enkelkind!”,
“Sonst noch was? Du kannst uns ja gleich
Ungläubige oder Heiden nennen!”). Die
Lehrerin, die die Türe zuhält, um einem
Mädchen mit Kopftuch den Eintritt zu verwehren,
solche Szenen sind passiert und bleiben im Bewusstsein
der heute erwachsenen Frauen eingebrannt. Eine
Lehrerin: “Ich bin Feministin und ich bin
allergisch auf das Kopftuch. Ich habe muslimische
Freundinnen, die sich gegen den Kopftuchzwang
wehren, daher verlange ich, dass Sie das Kopftuch
ablegen, wenn Sie an der Stunde teilnehmen wollen...”
Ist das wirklich eine Botschaft der Emanzipation,
die so übermittelt wird?

Das
Recht auf freie Wahl
Aus
feministischer Sicht ist absolut vertretbar, sich
nicht “gegen” oder “für”
das Kopftuch auszusprechen, sondern die Freiheit
der Frauen zu verteidigen, sich zu kleiden wie
sie es wollen. Dieses Recht muss sowohl für
jene Frauen, die kein Kopftuch tragen wollen wie
auch für die anderen eingefordert werden.
Ein wirklich universelles feministisches Prinzip
ist in der Tat das Recht auf freie Wahl, mit entsprechenden
Mediationen und Massnahmen zum Schutz vor Zwängen,
aber ohne gesetzliche Eingriffe. Das bedeutet
noch lange nicht, dass wir einverstanden wären
mit der Unterdrückung der Frauen in Afghanistan,
Iran und anderswo, dass wir kulturellen Relativismus
betreiben, dass der feministische Kampf weniger
wichtig wäre als der antiimperialistische
Widerstand, oder dass wir uns mit fundamentalistischen
Bewegungen verbünden würden.
In
einem wichtigen Beitrag nehmen die zwei linken
Forscherinnen und Aktivistinnen Katrin Rieder
und Elisabeth Joris2 Stellung zur anrollenden
Diskussion um ein mögliches Burkaverbot.
Sie gehen darin konsequent den Weg der Verteidigung
der freien Wahl und sprechen sich gegen Verbote
aus. Ihre fundierte Kritik zielt auf koloniale
Denkweisen ab, die von einer Überlegenheit
westlicher Emanzipationsmuster ausgehen. Dieser
Beitrag stellt, im Gegensatz zum erwähnten
Buch “Les fille voilées parlent”,
eine Aussensicht auf die Lage der muslimischen
Frauen, jedoch bietet er konstruktive und äusserst
wichtige Ansätze zu einer Zusammenarbeit
mit diesen. Für die Frauenrechte zu kämpfen,
aber mit den Frauen und nicht gegen sie –
dieser Anspruch gehört eigentlich zum Kern
des Kampfs für eine andere Gesellschaft.
1
Ismahane Chouder, Malika Latrèche, Pierre
Tevenian: Les filles voilées parlent, Paris:
Editions La Fabrique 2008. A lire, absolument.
2 Ein feministisches Nein zum Burkaverbot,
NZZ vom 12. Mai 2010, http://www.nzz.ch/
nachrichten/schweiz/ein_feministisches_nein
_zum_burkaverbot_1.5698015.html |