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Als Patentlösung und Alltagserleichterung
sorgt die Methode „Jedes Kind kann schlafen
lernen“ angeblich dafür, dass Säuglinge
und Kleinkinder in kurzer Zeit das „Durchschlafen“
erlernen und nachts nicht mehr stören. Worin
besteht die Wundermethode? Man lege sein Kind
wach in das Kinderbett und entferne sich. Naturgemäss
beginnt es dann meist zu brüllen („stark“,
warnt uns das Buch). Man lasse das Kind weinen.
Dann gehe man im Abstand von einigen Minuten zum
ihm rein und versuche es zu beruhigen –
aber Achtung: ohne es aus seinem Bettchen hochzunehmen.
In der Folge geht man wieder raus und wiederholt
die Prozedur mit immer längeren Zeitabständen.
So soll das Kind innerhalb von wenigen Tagen lernen,
alleine einzuschlafen und dann automatisch auch
durchzuschlafen (d.h. alleine wieder einzuschlafen,
wenn es nachts aufwacht). Aus dem Bettchen hochnehmen
darf man das Kind nur, wenn es so stark weint,
dass es sich erbricht – aber auch dann nur
um es sauberzumachen, dann geht die Dressur sofort
wieder los. Schlägt sich das Kind den Kopf
rhythmisch am Bettgitter, so wird empfohlen, selbiges
auszupolstern. Erfunden hat diese glorreiche Methode
ursprünglich Dr. Richard Ferber in den USA
Mitte der 1980er Jahre.
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Schlaftraining
trainiert Eltern darin, nicht mehr auf ihr
Kind zu reagieren. |
Durch
diese krasse Methode der Konditionierung, „Schlaftraining“
genannt, wird zuweilen erreicht, dass die Kinder
sogenannt durchschlafen. Viele Eltern berichten
aber auch von schlimmen Erfahrungen, dass das
Kind tagsüber verschüchtert wirkt, es
nach einiger Zeit „rückfällig“
wird und sich nachts kaum mehr beruhigen lässt
und verändert auf Kontaktaufnahme reagiert.2
Nun
ist immer mehr anerkannt, dass das Weinen von
Säuglingen immer einen Grund hat und dass
es wichtig ist, darauf einzugehen. Beim Schlaftraining
lernen die Kinder einzig und allein, dass ihren
Bedürfnissen zu bestimmten Zeiten nicht nachgekommen
wird: Sie resignieren. Die Eltern hingegen lernen,
ihr natürliches Mitfühlen mit der verzweifelten
Manifestation des Kindes zu unterdrücken.
Manche, die das Schlaftraining angewendet haben,
berichten dass sich insbesondere die Mütter
schalldicht abschirmen müssen oder aber mit
ihrem Kind mitweinen. Die langfristigen Auswirkungen
von solchen Schlaftrainings auf die Bindung zwischen
Eltern und Kind ist nicht untersucht. In einem
mehrseitigen Dokument von November 2002 warnt
die Australian Association for Infant Mental Health
AAIMHI ausdrücklich von der Anwendung von
Schlaftrainings.3 Weinen sei Ausdruck
einer körperlichen oder emotionalen Not,
schreibt die Vereinigung.
Erziehung
im Dienste des Kapitals
Woher
kommt diese „kaputte“ Logik, die besagt,
dass Bedürfnisse verschwinden, sofern man
sie nicht befriedigt? In alten Zeiten ging es
um die frühe Unterordnung und Disziplinierung
der Kinder. Die autoritäre Erziehung führte
zu einer systematischen Unterdrückung der
Äusserungen der Kinder. In diesem repressiven
Menschenbild sollten die kleinsten Kinder schon
auf ein angepasstes Leben in einer hierarchischen
und patriarchalischen Gesellschaft getrimmt werden,
nicht zuletzt mittels körperlicher Strafen.
Das Kind auf keinen Fall verwöhnen, sondern
abhärten, hiess das Motto. Einüben fürs
Leben.
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Käthe
Kollwitz, Kopf eines Kindes in den Händen
der Mutter. |
Diese
Zeiten scheinen vorbei. Im Moment ist ein autoritärer
Erziehungsstil nicht mehr allgemein akzeptiert
und es wird viel von Förderung der Kinder
gesprochen, von ihrer Entfaltung und Kreativität.
Bewirkt hat dies zu einem Teil der antiautoritäre
Aufbruch der 1960er und 1970er Jahre. Auch und
vor allem hat sich aber die Arbeitswelt verändert.
Heute werden weniger unterwürfige Subjekte
benötigt. Die heute gefragte Arbeitskraft
kann selbständig komplexe Prozesse gestalten,
passt sich initiativ an immer neue Abläufe
an und bildet sich ständig aus eigener Kraft
weiter. Dass diese Entwicklung nicht mit einem
wesentlichen Zuwachs an Rechten und Verfügungsmacht
über das eigene Leben und die Arbeitsbedingungen
einherging, ist offensichtlich. Berufskrankheiten,
allgemeiner Verschleiss und zunehmende Angst am
Arbeitsplatz sprechen eine eindeutige Sprache.
Was
heisst dies nun für die Zurichtung künftiger
Generationen von Lohnabhängigen auf diese
Arbeitswelt, also für die Erziehung schon
ganz kleiner Kinder? Nun: Blinder Gehorsam hat
ausgedient, es herrscht die Forderung nach möglichst
früher Autonomie. Folgerichtig begründen
Dr. Ferber und seine Helfershelfer ihr Schlaftraining
sozusagen aus der Sicht des Kindes: Nämlich
soll die Methode dem Kind „helfen“,
möglichst früh selbständig zu sein,
also keine Hilfe von seinen Eltern zu verlangen,
zumal nachts. Da wird grossartig berichtet, wie
autonom ein Säugling werde und wie gut das
für seine Entwicklung sei. Beziehungen aufnehmen
zur Umwelt und Vertrauen lernen, das ist offenbar
nicht der Rede wert. Ich lasse dich schreien und
es ist sogar gut für dich, lautet die Botschaft.
Das passt sich alles sehr schön ein in den
neoliberalen Diskurs ab Mitte der 1980er Jahre,
als „Kreativität“, „flache
Hierarchien“ und „Autonomie“
plötzlich zu verlogenen Schlagworte der kapitalistischen
Unternehmenswelt wurden...
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Das
Recht auf Zeit für sein Kind
Ohne Zweifel kann jedes Kind schlafen
lernen. Aber jedes Kind ist anders
und lernt es nicht genau so und dann,
wie es von ihm erwartet wird. In unserer
Gesellschaft müssen die meisten
Babys “schlafen lernen”,
weil die Eltern irgendwann die Abende
für sich haben und am nächsten
Arbeitstag ausgeruht sein wollen.
Mit der “Autonomie” des
Kindes hat das nicht viel zu tun.
Die Verantwortung für strenge
“Schlaftrainings” liegt
bei den Eltern. Aber hinter solchen
nicht kindergerechten “Erziehungsmethoden”
verbergen sich gesellschaftliche Probleme.
Die kapitalistische Gesellschaft erlaubt
es den meisten jungen Eltern nicht,
sich so viel Zeit für ihre Kleinkinder
zu nehmen, wie sie es gerne möchten
und / oder es für die Kinder
am besten wäre.
In der Schweiz gibt es erst seit 5
Jahren einen Mutterschaftsurlaub von
14 Wochen. Frisch gebackene Väter
dürfen in grösseren Firmen
einige Tage frei nehmen – doch
das ist für die Betreuung eines
Säuglings nur ein Tropfen auf
den heissen Stein. Krippen und Tagesheime
sind sinnvoll. Aber nicht alle Kinder
können gleich früh in Fremdbetreuung
gegeben werden. Bei manchen klappt
es mit fünf Monaten gut, bei
anderen mit zwei oder drei Jahren.
Um den Druck von den Kindern zu nehmen,
rechtzeitig “schlafen zu lernen”,
sollten im ersten halben Lebensjahr
beide Elternteile das Recht haben,
die Erwerbsarbeit ruhen zu lassen,
ohne einen Einkommensverlust zu erleiden;
und danach mindestens ein weiteres
Jahr zumindest ein Elternteil. Denn
wer sich am folgenden Tag zwischendurch
hinlegen und erholen kann, steht nächtliche
Schlafunterbrüche besser durch.
Sie oder er hat mehr vom Kind –
und umgekehrt natürlich auch.
(Red.) |
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Wird
die Ferber-Methode auf solche Mädchen angewandt,
die eh schon eher ruhig und „pflegeleicht“
sind, so fügt sich noch der Aspekt der Prägung
der künftigen Geschlechterrolle hinzu: Es
ist allemal besser, wenn eine Frau beizeiten lernt,
ihre Bedürfnisse zurückzustellen.
Dass
offenbar so viele Eltern auf die Ferber- Methode
ansprechen, ist traurig aber sicher teils erklärbar:
Durch die Isolation, die allzu oft die Realität
ist, wenn ein Kind zur Welt kommt. Ein Umfeld
und beruflich stark eingespannte FreundInnen,
die wenig präsent sind oder sich gar zurückziehen,
gerade wenn Unterstützung oder einfach nur
Kontakt vonnöten wären, haben Teil an
der gesellschaftlichen Verantwortung dafür,
wie kleine Kinder behandelt werden. Ein anderer
wesentlicher Punkt sind die verrückten Anforderungen
der Erwerbsarbeit, die kaum Platz für anderes
lassen.4 Sich um Kinder zu kümmern,
erfordert Geduld, Zeit, Interesse, alles Dinge
die in der herrschenden Ordnung zu Geld gemacht
werden und knapp sind... Damit wird aber das Recht
von uns allen auf freundliche Aufnahme in dieser
Welt verletzt.
1
Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth, „Jedes
Kind kann schlafen lernen“,
Oberstebrink, 7. Auflage 1995. Dieser bisher 700
000 Mal verkaufte Titel wurde 2007 bei einem anderen
Verlag in einer überarbeiteten Fassung neu
herausgebracht. Eingestreut sind nun verlogene
Formeln wie „Bitte hören Sie auf Ihr
Herz“ und Ähnliches. Die Grundhaltung
ist dieselbe.
2 Elternberichte auf www.ferbern.de
3 Position Paper 1: Controlled Crying, auf www.aaimhi.org/documents/position%
20papers/controlled_crying.pdf
4 Eine sanfte Alternative, wenn die Nächte
mit kleinen Kindern schwierig sind, bietet: „Ich
will bei euch schlafen! Ruhige Nächte für
Eltern und Kinder“, von Sibylle Lüpold,
Urania 2009.
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Kritik
der bürgerlichen Familie
Die heutige Kernfamilie ist geschichtlich
nicht sehr alt und besteht in dieser
Form erst seit dem Entstehen des Bürgertums.
Die bürgerliche Familie ist ein
wichtiger Eckpfeiler der bürgerlichen
Gesellschaft. Sie liefert eine Voraussetzung
dafür, dass die Reproduktionsarbeit
(kochen, putzen, pflegen...) und damit
auch die Verantwortung für die
Kinder nach wie vor meistens Sache
der Frauen ist. Damit einher gehen
vielfältige Benachteiligungen
der Frauen in Bezug auf finanzielle
Autonomie, gesellschaftliche Integration
und soziale Rechte (sie sind lebenslang
wesentlich schlechter gestellt im
Bereich der Sozialversicherungen:
Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung,
Altersvorsorge usw.). Die Erwerbsquote
der Frauen hat sich in einigen industrialisierten
Ländern zwar deutlich gesteigert,
es zeigt sich jedoch, dass dies nicht
automatisch und nicht immer zu einer
Verbesserung ihrer Lebensqualität
führt. Auch in diesem Fall fungiert
die bürgerliche Familie immer
noch oft als Erholungsraum für
den Mann, der sich nach einem harten
Arbeitstag am Abend bedienen und verwöhnen
lassen kann. Durch die ungleiche Aufteilung
von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit
werden die ungleichen Machtverhältnisse
zwischen Frauen und Männern konserviert
und im häuslichen Rahmen auch
gleich den Kindern mit auf den Weg
gegeben. Die Forderung nach Überwindung
des Modells der bürgerlichen
Familie, hin zu einer Vergesellschaftung
der Erziehung, in der Kinder mehrere
Bezugsgruppen haben und die Erziehungsarbeit
im gleichen Masse Aufgabe der Männer
wird, ist ein unerlässliches
Element jeder ernsthaften Gesellschaftskritik.
Dabei kann es nicht darum gehen, das
Recht auf Erwerbsarbeit gegen das
Recht, Zeit mit einem Kind zu verbringen,
auszuspielen: Wir wollen beide Rechte,
und zwar für beide Geschlechter.
Zentral und in der aktuellen Realität
völlig ungelöst ist auch
die Frage der Rechte der Kinder, die
erst einmal geschaffen, anerkannt
und gesellschaftlich durchgesetzt
werden müssen... (Red.) |
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