|
| |
| Demonstration
von Ekta Parishad anlässlich des internationalen
Frauentages. |
Der Premierminister kennt die Hartnäckigkeit
von Ekta Parishad (dt. Solidarisches Forum). Bereits
2007 führte die Landlosenbewegung einen dreissigtägigen
Marsch mit 25‘000 Personen in die indische
Hauptstadt. Damals hatte der Premierminister versprochen,
einen Rat zu berufen, der die zuvor längst
verabschiedeten Landreformen umsetzen sollte.
Bei dem Versprechen ist es bis heute allerdings
geblieben: Der Rat hat niemals getagt und das
stösst bei denen, die ganz unten sind, auf
Unverständnis. «Wir stehen für
alle, die in Indien nicht zu Wort kommen. Die
landlosen und armen Bauern sind offen für
Gespräche, doch wir haben genug gewartet,
nun wollen wir mitbestimmen», erklärt
Rajagopal P.V., der Ekta Parishad vor mehr als
zwanzig Jahren gegründet hat und heute noch
anführt. Für Oktober 2012 ist wieder
ein 300 Kilometer langer Marsch geplant. Hunderttausend
sollen am «Jan Satyagraha», dem Marsch
für Wahrheit und Gerechtigkeit, teilnehmen.
Von
Gandhi inspiriert
1947
befreite sich die indische Bevölkerung von
der britischen Kolonialmacht. Eine entscheidende
Figur in diesem gewaltlosen Befreiungskampf war
Mahatma Gandhi. Für ihn beginnt Widerstand
und sozialer Wandel mit einer individuellen Haltung,
die als Streben nach Liebe und Wahrheit beschrieben
werden kann. Bedingungslose Nächstenliebe
und die Überzeugung, dass niemand über
die absolute Wahrheit verfügt, begründen
denn auch sein Postulat der Gewaltlosigkeit. Denn
wer Gewalt anwendet, schürt Hass und drängt
seine Wahrheit anderen auf, sagt Gandhi und empfiehlt
Bescheidenheit und Zurückhaltung.
Nächstenliebe,
Wahrheitssuche und Gewaltlosigkeit sind nicht
nur individuelle Prinzipien, sondern stellen auch
Widerstandsstrategien (Mittel) und Grundwerte
einer gerechten Gesellschaft (Ziele) dar. Gandhi
war überzeugt, dass nur gewaltlose Revolutionen
zu einer friedlichen und gerechten Gesellschaft
führen können. Mittel lassen sich für
ihn nicht durch Ziele legitimieren. Seine bevorzugten
Widerstandsformen zeichneten sich unter anderem
durch zivilen Ungehorsam, Nicht-Kooperation, aber
auch durch die Achtung politischer Gegner aus.
Im
Kampf um die Kontrolle über Land und das
Recht auf ein würdiges Leben inspiriert sich
Ekta Parishad stark von Gandhis Prinzipien. Die
Bewegung existiert seit den 1990er Jahren, als
sie von Rajagopal P.V. gegründet wurde: «Wir
haben mit den Menschen in den Dörfern angefangen
über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Mit
der Zeit gelang es uns, immer mehr Dörfer
zu vernetzen. Heute sind wir in mehr als siebzehn
Teilstaaten verankert». Ekta Parishad
steht kompromisslos auf der Seite der Armen und
Landlosen Indiens. Vor allem die kastenlosen Dalits
und die Adivasis, Indiens Urbevölkerung,
sind von Landlosigkeit und massiven Umsiedlungen
betroffen. Hunderttausende von ihnen hat Ekta
Parishad bereits organisiert. Heute vereint Ekta
Parishad sowohl Individuen als auch Organisationen
und NGO‘s. Derzeit gibt es auf nationaler
Ebene keine einflussreichere Bewegung, die sich
kompromisslos zu Gandhi bekennt. Rajagopal P.V.
wird deshalb intern von vielen als neuer Gandhi
gefeiert. Obwohl der Einfluss der Bewegung für
die indische Elite objektiv noch keine Bedrohung
darstellt, muss gesagt werden, dass kaum jemand
Gandhis Ideen so modern vertritt. Es ist Rajagopal
P.V. gelungen, Gandhi aus den Ashrams –
Wohn- und Ausbildungszentren, in denen Gandhis
Prinzipien gelernt werden und nach ihnen gelebt
wird – in die Dörfer und die politischen
Debatten zurückzuführen.
Der
Kampf der Landlosen
Rund
zwei Drittel der indischen Bevölkerung leben
in ländlichen Gebieten und sind von der Landwirtschaft
abhängig. Für sie bedeutet ein Leben
ohne eigenes Land ein Leben ohne Würde. Diese
Tatsache hat Ekta Parishad vor Augen, wenn sie
sich für ein dezentral gesteuertes Landwirtschaftssystem
einsetzen, indem kleine Bauernbetriebe den Ausgangspunkt
der Agrar- und Landpolitik darstellen. Das Leiden
im ländlichen Indien ist gross. Zwei Drittel
der Armen leben auf dem Land und viele von ihnen
hungern regelmässig. Zudem herrscht in den
Dörfern ein akutes Alkoholproblem. Viele
haben sich wegen ihrer Sucht verschuldet und die
Gewalt gegen Frauen ist drastisch angestiegen.
Am deutlichsten zeigt sich die Verzweiflung der
indischen Kleinbauern jedoch am massiven Anstieg
der Selbstmordrate: In den Jahren 1993 bis 2006
haben sich über 160‘000 Kleinbauern
das Leben genommen.
Die
neoliberale Wachstumspolitik, die sich in Indien
seit den 1990er Jahre durchgesetzt hat, steht
den Interessen und Bedürfnissen der leidenden
Bevölkerung in den Dörfern diametral
entgegen. Auf Empfehlung der Weltbank und des
IWF senkte die Landesregierung ihre Landwirtschaftsinvestitionen
und stoppte die ohnehin schleppend laufenden Landreformen.
Um die Wachstumsrate in die Höhe zu treiben,
wurden riesige Ländereien für den Rohstoffabbau,
eine industrielle Nutzung, Infrastrukturmassnahmen
und den Tourismus freigeben. Im Zuge der aktuellen
Wirtschaftskrise spitzt sich der Kampf um Land
weiter zu. So interessieren sich mittlerweile
nicht nur Minenkonzerne oder Industrielle für
Land. Der Boden ist zum Spekulationsobjekt für
Investoren der Finanzbranche geworden.
Aufgrund
des «Landgrabbings» (Landraubs) verloren
bereits Millionen von Menschen ihre Lebensgrundlage.
Sie werden auf brutale Weise von ihren Höfen
vertrieben. Weil die meisten ihren Landbesitz
nicht belegen können, werden nur die wenigsten
entschädigt. So bleibt als einziger Ausweg
häufig nur die Flucht in die Stadt. Dort
leben sie entwurzelt in ärmsten Verhältnissen
und hängen mehrheitlich von den Launen des
informellen Arbeitsmarkts ab.
Obwohl
Indiens Wirtschaft in den letzten Jahren doppelt
so schnell gewachsen ist wie der Weltdurchschnitt,
profitiert davon nur eine kleine Minderheit. Armut
und soziale Ungleichheit stiegen stetig an. 75%
der Bevölkerung muss mit weniger als einem
halben Franken pro Tag auskommen. Genau diese
Gruppe würde von der Umverteilung des Landbesitzes
profitieren.
Davon
will auf der Ebene von Bürokratie und Parteien
niemand etwas hören. Sämtliche Parteien
in Indien sind auf die neoliberale Agenda ausgerichtet.
Und doch bleibt das Thema virulent, denn Armut,
Umsiedlungen und Enteignungen führen zu steigendem
Unmut und münden auch in Gewalt. In einem
Fünftel des Landesgebietes liefern sich Polizei
und die maoistische Guerilla blutige Gefechte.
Auch vor diesem Hintergrund gewinnt Ekta Parishads
gewaltloser Widerstand an Bedeutung. In ihrem
Kampf geht es nicht nur um Gerechtigkeit, sondern
auch um Frieden in einem Land mit über einer
Milliarde Einwohner_innen.
*
Philippe Blanc arbeitete während seines neunmonatigen
Zivildiensteinsatzes in unterschiedlichen Städten
Indiens für die Bewegung Ekta Parishad.
In
dieser Zeit wurde das Interview mit Rajagopal
P.V. durchgeführt. Er beteiligt sich an der
Vorbereitung einer Europatournee von Vertreter_innen
der Ekta Parishad, die im kommenden Winter auch
in der Schweiz Halt machen soll.
Mehr
Informationen zur Bewegung unter www.ektaparishad.com.

|