| Eine
griechische Lehrerin, 42 Jahre und Mutter von
zwei Kindern, erhält einen Monatslohn von
1120 Euro (1601 Sfr.). Seit März 2010 wurden
ihr ein Bonus von 208 Euro (400 Sfr.) gestrichen,
den sie für ihre Fremdsprachen-diplome erhielt.
„Auch die Beiträge, die ich für
die Kinder erhalte, wird man mir streichen“,
sagt sie und fügt hinzu: „Nicht ich
habe die Staatskassen geleert. Warum sollte ich
sie wieder auffüllen?“

Ein
Universtitätsangestellter aus der Hafenstadt
Thessaloniki erzählt von seinem Sohn, der
seine Arbeit bei einer Informatikfirma verloren
hat. „Entweder arbeitest du für uns
als selbstständiger Unternehmer, oder du
verschwindest, hat man ihm gesagt.“ Übersetzt
heisst das: „Du arbeitest (nur) dann, wenn
wir dich brauchen, und wir bezahlen keine Sozialleistung
für dich.“ Dieses System breitet sich
in allen europäischen Ländern aus, am
stärksten etabliert ist es bereits in Portugal.
Rund 25% der PortugiesInnen gelten mittlerweile
als „eigenständige Erwerbstätige“.
Die Unternehmer weigern sich immer öfter,
echte Arbeitsverträge abzuschliessen. Selbst
der öffentliche Sektor funktioniert so.
Eine
Frage der Akzeptanz
Der
derzeit unter Führung des IWF (mit seinem
„sozialistischen“ Präsidenten
Strauss-Kahn), der EU-Organe sowie der (ebenfalls
„sozialistischen“) griechischen Regierung
Papandreous (Vorsitzender der Panhellenischen
Sozialistischen Bewegung PASOK) stattfindende
Angriff gegen die Lohnabhängigen in Griechenland
ist Teil eines allgemeinen „Klassenkrieges“
des Kapitals gegen die Lohnabhänggen.
Am
23. April 2010 schrieb Patrick Artus, ein Ökonom
der Bank Natixis: „Angesichts des schwachen
Wachstums ist der Anstieg der Unternehmensprofite
mehr auf die Kostensenkungen als auf die Steigerung
der Umsätze zurückzuführen. Eine
für die Investoren wichtige Frage ist, ob
ein dauerhaftes wirtschaftliches Gleichgewicht
mit bescheidenem Wachstum und hoher Profitabilität
mit rasch steigenden Aktiengewinnen möglich
ist. Die entscheidende Frage ist, wie hoch die
politische und soziale Akzeptanz einer dauerhaften
Veränderung der Einkommensverteilung zu Lasten
der Lohnabhängigen ist.“
Oder
anders gesagt: Die Bekämpfung des öffentlichen
Defizits und der Schulden sind ein Mittel, um
die Ausbeutung der Lohnabhängigen zu steigern.
So kann die Umverteilung des gesellschaftlich
produzierten Reichtums zugunsten einer kleinen
herrschenden Minderheit, einer Art Finanzoligarchie
aufrechterhalten werden. Sie setzt ihre Bedingungen
durch.
Es
entscheidet sich also im Kampf zwischen Kapital
und Arbeit, welche Gewinne die „Investoren”
einheimsen können, und ob es gelingt, die
für eine verschärfte Ausbeutung erforderlichen
sozialen und politischen Voraussetzungen unter
Kontrolle zu behalten.
Werden
die griechischen Lohnabhängigen – und
diejenigen anderer europäischer Länder
– die geplante „Abmagerungskur”
erdulden, ohne zu reagieren? Oder werden sie stark
genug sein, um die Ziele des Kapitals, der Banken,
Versicherungen und Investmentfonds zu vereiteln?
Sie sind es, die sich hinter dem allgemeinen Begriff
der „Märkte“ verstecken. Es geht
um ganz Europa, denn eine ähnlich brutale
Offensive wie in Griechenland bahnt sich auch
in Portugal und Spanien an.
Der
Masterplan
Angesichts
der Desinformation in der Presse ist es nützlich,
die wichtigsten Elemente des Sparplans in Erinnerung
zu rufen. Der auch als Modell für andere
Länder dienende Plan richtet sich sowohl
gegen die Lohnabhängigen des privaten und
öffentlichen Sektors, als auch gegen die
Erwerbslosen und RentnerInnen. Der am 2. Mai 2010
beschlossene Plan mit der Bezeichnung „aus
Tränen und Blut” sieht folgende Punkte
vor:
-
Die Löhne und Renten der öffentlichen
Dienste sind während 5 Jahren eingefroren.
-
Die Kürzungen der Weihnachts- und Osterprämien
sowie des 13. und 14. Monatslohns führen
im öffentlichen Sektor bei einem Lohn
von 1200 Euro (1716 Sfr.) zu einem Einkommensverlust
von 3000 Euro (4290 Sfr.). Das Jahreseinkommen
sinkt von 24'024 auf 19'734 Sfr.!
- Der
Regelsatz der regressiven Mehrwertsteuer wird
auf 23% angehoben, nach dem er im März
von 19 auf 21 % erhöht wurde. Der Minimalsatz
(für primäre Bedarfsgüter)
wird ebenfalls steigen. Die Treibstoffsteuern,
die jetzt schon zu den höchsten Europas
gehören, sowie die Tabak- und Alkoholsteuer
steigen ebenfalls um 10% (zum zweiten Mal).
-
Die Haus- und Immobilienbesitzer, zu denen
80% der GriechInnen gehören, werden von
der Erhöhung der Grundsteuer betroffen
sein.
- Bis
2013 wir das Renteneintrittsalter für
Frauen von 60 auf 65 erhöht und damit
dem der Männer angeglichen. Das Rentenalter
67 wird bereits diskutiert. Um eine vollständige
(oft miserable) Rente zu erhalten, muss nun
40 anstatt 37 Jahre lang einbezahlt worden
sein. Der 13te und 14te Monatslohn werden
gestrichen und durch eine Prämie von
800 Euro für alle, die weniger als 2500
Euro erhalten, „ersetzt”.
- Noch
wichtiger: Die Rente wird neu auf Basis des
Lohneinkommens während des gesamten Erwerbslebens
errechnet. Auf Grund der sehr tiefen Eintrittsrenten
„auf dem Arbeitsmarkt”, der Arbeitslosigkeit
und der kommenden Lohnsenkungen werden die
zukünftigen Renten zwischen 45 und 58%
tiefer ausfallen als die heutigen.
- Die
öffentlichen Ausgaben im Gesundheits-
und Bildungswesen werden um 1,5 Milliarden
gekürzt, womit der Raum für Privatkliniken
und –schulen weiter ausgedehnt wird.
Die Folge wird eine noch stärkere soziale
Diskriminierung sein.
- Die
öffentlichen Investitionen werden in
ähnlichem Ausmasse gekürzt, womit
der Privatisierung entscheidender Sektoren
Tür und Tor geöffnet werden. Davon
haben vor allem deutsche Konzerne bereits
profitiert.
- Die
Arbeitsgesetzgebung wird weiter ausgehöhlt
(Entlassungen, Einstiegslöhne für
die Jungen, usw.). Der brutale Sparplan führt
mittelfristig zu einem Angriff auf gewerkschaftliche
Rechte.
- Die
Massnahmen gegen die Kapitalflucht treffen
die höchsten Einkommen nicht. Ganz zufällig
deklarieren nur rund 5000 griechische BürgerInnen
ein Jahreseinkommen von über 100'000
Euro (143'000 Sfr.). Das überrascht nicht,
wenn man bedenkt, dass laut Experten griechische
Vermögenswerte im Wert von ca. 36 Milliarden
Franken "illegal" in Schweizer Banken
lagern (Sonntag.ch, 2. Mai 2010).
- Eine
Reduktion der Rüstungsausgaben (2,8%
des griechischen BIP, zum Vergleich: Deutschland
1,3%) hingegen ist nicht vorgesehen, denn
darunter würden die Rüstungsgeschäfte
französischer und deutscher Konzerne
leiden.

Ein
derartiger Plan, begleitet von einer „Hilfe”
in der Höhe von 130 Milliarden während
drei Jahren zu Zinsen von etwa 5%, werden Griechenland
in eine lange Rezession stürzen: Das BIP
wird 2010 um 4% sinken, nächstes Jahr um
mind. 3,5%. Dies bedeutet: Noch grössere
Schwierigkeiten bei der Begleichung der Zinsschulden,
Anstieg der Arbeitslosigkeit, Verarmung und eine
darauf folgende neue „Sparflut”.
Die
Mobilisierung der ArbeiterInnen Griechenlands,
kann andere Ziele verfolgen. Zuvorderst stehen
folgende Forderungen: der Stopp der Rückzahlung
der öffentlichen Schulden; ein öffentliche
Anhörung, um herauszufinden, wie viele Schulden
aus betrügerischen Geschäften entstanden
sind (Siemens beispielsweise hat die griechische
Führungselite stark umworben, um das Überwachungssystem
für die olympischen Spiele 2004 liefern zu
können); die steuerliche Repatrierung der
griechischen Konzerne, die in Steuerparadiese
ausgewandert sind; ein Informationsaustausch über
die in der Schweiz lagernden Vermögen; das
Ende der Begünstigung des grössten Grundeigentümers,
der orthodoxen Kirche; usw.
Durch
ihre Mobilisierungen können die griechischen
Lohnabhängigen eine Road Map erarbeiten,
die zum roten Faden für soziale Kämpfe
in ganz Europa werden kann. |