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Am 12. Januar 2010 traf ein Erdbeben mit noch
nie da gewesener Stärke unser Land, mit verheerenden
Konsequenzen für die Menschen im Westen und
Südosten und auch für das Land allgemein.
Trotz unseres Schmerzes ist es wichtig, dass wir
alle innehalten und reflektieren über das,
was geschehen ist, um daraus Lehren zu ziehen.
Auch als Anleitung für das unermüdlichen
Engagement zum Aufbau eines anderen Landes. Eines,
das fähig ist, Abhängigkeit und Destruktion
zu überwinden und zu einer neuen Dimension
der Emanzipation zu gelangen.
Das
Ausmass der Katastrophe hängt sicherlich
mit der kolonialen und neokolonialen Struktur
zusammen, welche unserem Land aufgebürdet
wurde, und mit der uns aufgezwungenen neoliberalen
Politik der letzten drei Jahrzehnte. Die extreme
Zentralisierung um die “Republik Port-au-Prince”,
welche nach der US-Besetzung von 1915 - 1934 durchgesetzt
wurde, ist ein ausschlaggebender Faktor. Besonders
die Liberalisierung des Immobilienmarktes hat
Platz geschaffen für wilde Spekulation seitens
aller möglichen Opportunisten.
Wir
waren tief bewegt von der ausserordentlichen Solidarität
der Grossstadtgebiete, welche in den ersten drei
Tagen nach der Katastrophe mit selbst organisierter
Hilfe reagierten und so Tausende Menschen aus
den Trümmern retteten und 450 Flüchtlingslager
aufbauten. Dadurch konnten 1.5 Millionen Menschen
mit Ressourcen (Nahrung, Wasser und Kleider) versorgt
werden und überleben. Wir ehren und respektieren
die Menschen von Port-au-Prince! Diese spontanen
Elemente der Solidarität sollten nun eine
zentrale Rolle im Wiederaufbau und der Neukonzipierung
unseres Landes spielen. Zur Festlegung neuer gemeinsamer
Strategien, haben wir folgende Richtlinien angenommen:
Geschichtliche
Daten
Haiti
wurde 1804 nach einem Sklavenaufstand
unabhängig. Die Kompensations-zahlungen
an die Kolonialmacht Frankreich
betrugen 150 Millionen französische
Francs, was heute der Summe von
21 Milliarden Dollar entspricht.
Haiti leistete diese Reparationszahlungen
bis ins frühe 20. Jh. ab. Von
1915 bis 1934 wurde Haiti von den
USA besetzt gehalten. 1957 bis 1986
unterstützten die USA zwei
brutale Diktaturen in Haiti. Im
Jahre 1991 und 2004 waren die USA
sowie unter anderem der französische
Geheimdienst an zwei Putsch-aktionen
gegen den gewählten Präsidenten
Jean- Bertrand Aristide beteiligt.
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Wir wollen die Errungenschaften der Volks-
und Sozialbewegungen in Haiti verteidigen
helfen, welche in dieser neuen Situation unter
Druck geraten.
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Wir wollen auf die unmittelbaren Nöte
der Menschen antworten durch den Aufbau von
Gemeinschaftszentren, welche die notwendigen
Mittel haben um folgende Bedürfnisse
abzudecken: Nahrung, erste Hilfe, medizinische
und psychologische Betreuung für Menschen,
die durch das Erdbeben traumatisiert sind.
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Wir
wollen die Präsenz der internationalen
Medien in unserem Land nutzen, um ein anderes
Bild zu vermitteln als dasjenige, das von
den imperialistischen Mächten verbreitet
wird.
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Wir wollen neue Ansätze zur Überwindung
der Automatisierung und Zersplitterung schaffen,
die eine grosse Schwäche unserer Organisationen
sind.
Die
Anstrengungen zur Soforthilfe, die wir erleben,
besitzen einen neuen Charakter und wir sprechen
uns dafür aus, die traditionellen Praktiken
im Bereich der humanitären Hilfe aufzukündigen.
Denn diese Praktiken respektieren die Würde
der Opfer nicht und führen zu einer verstärkten
Abhängigkeit. Wir treten für eine humanitäre
Hilfe ein, die unserer Realität angemessen
ist, die unsere Kultur und Umwelt achtet. Die
humanitäre Hilfe darf sich nicht gegen die
Formen der wirtschaftlichen Solidarität richten,
die im Laufe der Jahrzehnte von den Basisorganisationen
aufgebaut wurden.
| Haitis
Elite
Die Washington Post berichtete am
18. Januar 2010 von einem Vorort von
Port-au-Prince. In einer „Gated
Community” lebt die Elite von
Haiti, vom Chaos durch Stacheldraht
geschützt. Sie hat das Beben
gut überstanden. Nur ein paar
wenige Häuser wurden zerstört.
So ist auch die Aussage
des Besitzers eines grossen Geschäfts
zu verstehen: „Wir haben alles
aufgeräumt hier. Wir sind bereit
zum Öffnen. Wir brauchen nur
etwas Sicherheit. Also schickt die
Marines her, OK?” Die Zeitung
stellt fest, dass eine fast „feudale“
Trennung zwischen Arm und Reich herrscht
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Wir
bekunden auch unsere Wertschätzung gegenüber
der aussergewöhnlichen Grosszügigkeit,
welche von der Welt ausgeht. Wir glauben, dass
heute der Moment gekommen ist, einen neuen Weg
einzuschlagen. Einen Weg, der es uns ermöglicht,
einen authentischen und solidarischen Staat zu
werden, frei von Bevormundung, Mitleid oder Minderwertigkeit.
Wir sollten daran arbeiten, den Geist der Solidarität
aufrecht zu erhalten, entgegen dem momentanen
Trend und Medienhype. Die Antwort auf die Krise
hat bewiesen, dass die Menschen in gewissen Situationen
Sensationsgier und Vorurteile überwinden
können. Massive humanitäre Hilfe ist
heute angesichts der Breite der Katastrophe unerlässlich.
Allerdings sollte sie im Hinblick auf den Wiederaufbau
anders eingesetzt werden. Die Paradigmen der herkömmlichen
internationalen Hilfe müssen durchbrochen
werden. Wir wünschen uns eine enge Zusammenarbeit
internationaler Gruppen mit unseren Organisationen.
Dies ist unerlässlich im Kampf um eine Agrarreform,
eine integrierte städtischen Bodenreform,
die Aufforstung, den Aufbau eines modernen, dezentralisierten
Bildungs- und Gesundheitssystems und für
den Kampf gegen Analphabetismus. Auch müssen
wir unserer Wut und Empörung Ausdruck geben
über die Ausnutzung der Situation auf Haiti:
Wir sind konfrontiert mit der Invasion durch 20'000
USSoldaten. Wir verurteilen die drohende militärische
Besetzung durch US-Truppen, denn es wäre
die dritte in unserer Geschichte. Dieses Vorgehen
der USA ist offensichtlich Teil der Strategie
der Remilitarisierung des karibischen Beckens,
als imperialistische Antwort auf die wachsende
Rebellion unseres Volkes gegen die neoliberale
Globalisierung.
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| Der
US-Flugzeugträger “USS Carl Vinson”
wird vor der Küste von Haiti erwartet. |
Der
Vormarsch der US-Armee geschieht auch im Rahmen
der präventiven Kriegsführung, um eine
mögliche soziale Explosion unserer Bevölkerung
zu verhindern, die mit drastischer Armut und Verzweiflung
konfrontiert ist. Die Besetzung des Internationalen
Flughafens „Toussaint Louverture”
und anderer Teile der nationalen Infrastruktur
durch die USA verhindert teilweise, dass das haitianische
Volk über Hilfsgüter der Staaten der
Karibischen Gemeinschaft CARICOM, von Venezuela
und einiger europäischer Länder verfügen
kann. Wir verurteilen dieses Verhalten der USA
und verweigern jegliche Unterstützung ihres
Vorhabens, unser Land in eine Militärbasis
zu verwandeln. Als Leitungsgremien der Organisationen
und Plattformen, welche diesen Prozess in Gang
gesetzt haben, dokumentieren wir diese erste Analyse
der Situation, um sie euch zugänglich zu
machen. Wir sind sicher, und ihr habt bereits
Wort gehalten, dass ihr unsere Arbeit weiter unterstützen
werdet - unseren Kampf für den Wiederaufbau
einer Alternative zu dieser schrecklichen Katastrophe
und für die Freiheit. |