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Das französische Übersee-Departement
Guadeloupe, eine Inselgruppe in der Karibik mit
gerade mal 460'000 Einwohnern, hat ein ereignisreiches
Jahr hinter sich: Während eines sechswöchigen
Generalstreiks der Lohnabhängigen wurde beinahe
die gesamte lokale Wirtschaft lahm gelegt, Streikposten
wurden errichtet, wichtige Wirtschaftsstandorte
mit Strassensperren blockiert. Der örtliche
Stromkonzern (EDF), der Hafen, die Krankenhäuser,
die Warengeschäfte, ja sogar der Treibstoffvertrieb
wurde zeitweise von den Streikenden kontrolliert.
Der offene Arbeitskampf - der mitunter auch zu
gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen
den Protestierenden und den französischen
Sicherheitskräften führte - endete vorläufig
mit einem 160 Punkte- Abkommen. Darin enthalten
sind nicht nur eine Erhöhung des Mindestlohnes
um 200 Euro, sondern auch Verbesserungen bezüglich
der Renten- und Sozialbeiträge, Preissenkungen
wichtiger Konsumgüter (Nahrungsmittel, Treibstoff
usw.) und im öffentlichen Sektor um bis zu
20 Prozent. Des Weiteren konnten auch die gewerkschaftlichen
und politischen Rechte der Bevölkerung ausgebaut
werden. Ein so erfolgreich ausgetragener Klassenkampf
ist für heutige Verhältnisse zweifellos
aussergewöhnlich. Wie und unter welchen Bedingungen
aber war eine derart kämpferische und gut
organisierte Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse
in Guadeloupe möglich?
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| Die
zahlreichen Strassenblockaden erwiesen sich
während des Generalstreiks als mächtige
Waffe gegen die französischen Sicherheitskräfte. |
Doppelte
Ausbeutung
Guadeloupes
überwiegend touristisch und landwirtschaftlich
geprägte Wirtschaft ist wie in vielen Ländern
des Südens durch und durch auf den Export,
also auf die Bedürfnisse Europas und insbesondere
Frankreichs ausgerichtet. Wichtigste Exportgüter
des Landes sind Zuckerrohr sowie Obst und Gemüse.
Die Arbeitslosigkeit beträgt 28 Prozent.
Die
meisten politischen Ämter sowie praktisch
alle wichtigen Wirtschaftszweige und Unternehmen
(Hayot, Despointes, Total, Carrefour, Match, Cora,
Leader Price, Renault, Peugeot, Mercedes) werden
von den „Békés“, den
ehemaligen (weissen) Sklavenhaltern, kontrolliert.
Die werktätige (schwarze) Bevölkerung
besteht mehrheitlich aus den Nachfahren der Sklaven
sowie aus einigen Zehntausend indischen ArbeiterInnen,
die ab 1848 (offizielle Abschaffung der Sklaverei)
als Kontraktarbeiter von den Plantagenbesitzern
„importiert“ wurden, nachdem sich
viele Einheimische geweigert hatten, weiterhin
zu Hungerlöhnen auf den Plantagen zu schuften.
In
bester kolonialer Tradition übt die kolonial
geprägte Bourgeoisieklasse (von der Bevölkerung
werden die ehemaligen Kolonialherren oft als „Grand-Blancs“
bezeichnet) die Herrschaft über die lokale
Bevölkerung Guadeloupes aus. Obwohl eigentlich
ein französisches Departement, sind die Preise
für Nahrungsmittel und andere wichtige Konsumgüter
bis zu 20 Prozent teurer als im „Mutterland“
Frankreich, gleichzeitig sind die Löhne tiefer.
Vor allem bezüglich des Wohnungsbaus und
der Vergabe von Arbeitsstellen wird die nichtweisse
Bevölkerungsmehrheit systematisch diskriminiert,
das Verhältnis zwischen Arbeiterklasse und
Bourgeoisie ist durch Willkür und Rassismus
geprägt. Die Lohnabhängigen Guadeloupes
sehen sich somit einer doppelten Ausbeutung ausgesetzt,
einerseits als Lohnabhängige, andererseits
als ethnische Gruppe.
Die
zahlreichen Proteste und der Generalstreik Anfang
dieses Jahres sind somit nicht nur als Ausdruck
eines Klassen- und Arbeitskonfliktes, sondern
auch als Auflehnung gegen den strukturellen Rassismus
und die Arroganz der französischen Kolonialverwaltung
zu verstehen. Diese Besonderheit kommt auch in
einem in Guadeloupe vor allem während des
Streiks oft wiederholten Lied zum Ausdruck: „Péyi
la pa ta yo, péyi la sé tan nou…“
(„Das Land gehört ihnen nicht, das
Land ist das unsere, sie werden hier nicht tun,
was sie wollen“). Mit dem Versprechen, die
Békés, die „Schar von Ausbeutern
und Dieben“ ins Meer zu werfen, wurde das
Lied im Zuge des Arbeitskampfes zudem treffend
modernisiert.
Tradition
des Widerstandes
Als
ideelles Vorbild während der Proteste diente
der Kampf um die Abschaffung der Sklaverei während
des 19. Jahrhunderts. Die zahlreichen Aufstände
gegen die Sklaverei der französischen (und
zeitweise englischen) Kolonialmacht sind Teil
des kollektiven Bewusstseins des heutigen Proletariats
in Guadeloupe. Auch die Erfahrungen der brutalen
Niederschlagung des Streikes der Bauarbeiter im
Jahre 1967, der mit einem von den Sicherheitskräften
verübten Massaker und über 80 Toten
endete, sind noch nicht in Vergessenheit geraten.
Einheit
der Lohnabhängigen
Der
vielleicht entscheidendste Faktor für den
erfolgreichen Verlauf des Generalstreikes war
aber der hohe Organisationsgrad der Lohnabhängigen.
Unter dem Namen LKP („Lyannaj kont pwofitasyon“,
„Bündnis gegen die Überausbeutung“)
formierten sich zahlreiche Gewerkschaften, Parteien
und andere Verbände, die in der Lage waren,
nicht nur soziale, politische und ökonomische
Forderungen zu formulieren, sondern auch kulturelle
Initiativen, Verbraucherverbände, ökologische
und feministische Bewegungen, sowie Behindertenverbände
zu vereinen und zu mobilisieren. Insgesamt schlossen
sich dem Bündnis 48 Organisationen an. Die
dadurch entstandene Einheit der Lohnabhängigen
bestand nicht aus einer totalen Vereinheitlichung
des Widerstandes und seiner Ausdrucksformen, wohl
aber in einem militanten Bündnis, das in
der Lage war, trotz massivem politischen Druck
seitens der Béké und der französischen
Repressionsorgane, nicht nachzugeben und an seinen
zentralen Forderungen festzuhalten. Auch die Ermordung
des Gewerkschaftsaktivisten Jacques Bino am 22.
Februar konnte daran nichts ändern. Besonders
bemerkenswert war auch die Beteiligung der Angestellten
des öffentlichen Sektors. Obwohl die öffentlichen
Angestellten auf Grund des französischen
Beamtenstatus im Vergleich zu den im privaten
Sektor Angestellten unter deutlich besseren Bedingungen
arbeiten, beteiligte sich ein grosser Teil von
ihnen am Generalstreik.
Gewaltfreie
Militanz und Demokratie
Ein
wichtiges Element des Generalstreikes waren zahlreiche
Strassensperren, die als Reaktion auf die fehlende
Kompromissbereitschaft der herrschenden Klasse
im ganzen Land errichtet wurden und dazu beitrugen,
die Wirtschaft vorübergehend lahm zu legen.
Dabei wurde die direkte Konfrontation mit der
Polizei weitgehend vermieden, stattdessen wurden
von den Sicherheitskräften geräumte
Strassensperren umgehend wieder neu aufgebaut.
Dadurch gelang es den Streikenden, die Sicherheitskräfte
zu ermüden.
Gleichzeitig
stellten die Strassensperren ein wichtiges Moment
des Austausches verschiedener Bevölkerungsgruppen
dar. So konnten auch Jugendliche, Erwerbslose
und nicht direkt gewerkschaftlich organisierte
Bevölkerungsgruppen (Frauen, Pensionierte)
in die Bewegung miteinbezogen werden. Von der
Beschaffung des Materials für die Errichtung
der Barrikaden, deren Konstruktion und Bewachung
bis hin zur Bestimmung der Streikposten und deren
Versorgung mit Nahrungsmitteln: Alles wurde gemeinsam
organisiert und war breit abgestützt. Auch
wurden zahlreiche strategische Entscheidungen
gemeinsam gefällt: Wer wird durchgelassen
und wer nicht? Die Krankenwagen, die Feuerwehr?
Und wieweit musste man sich gegen die Repressionskräfte
zur Wehr setzen?
Überhaupt
waren die demokratische Funktionsweise, die direkten
Verhandlungen unter ständiger Kontrolle der
kämpfenden ArbeiterInnen und der ganzen Bevölkerung
während des Streiks von zentraler Bedeutung.
Dies wird als kollektive Erfahrung bei künftigen
Kämpfen von Nutzen sein.
Ungewisse
Zukunft
Trotz
des vorläufigen Erfolges steht die Bevölkerung
in Guadeloupe vor weiteren Herausforderungen,
denn die versprochenen Verbesserungen und Zugeständnisse
werden seitens der Regierung und der Békes
wo immer möglich sabotiert. Es bleibt zu
hoffen, dass das Bündnis LKP seinen Druck
weiterhin aufrecht erhalten kann. |