|
Im
Eckfenster des Barriques Coffee-Shops, einen Block
vom Parlament in der Wisconsin- Hauptstadt Madison
entfernt, verlangt ein Plakat: «Arbeiter_innen
aller Länder, vereinigt euch!» Nicht
gerade die Art von Aushang, wie man sie in Restaurants
gewöhnlich findet. Aber die vergangenen Tage
waren aussergewöhnlich für Madison.
Zehntausende kamen in dieser normalerweise ruhigen
Stadt im mittleren Westen zu den grössten
Demonstrationen zusammen, die Amerika seit dem
Vietnam-Krieg erlebt hat. Tausende halten seither
das State Kapitol besetzt. An ihrer Seite Gewerkschafter_
innen aus allen Teilen der USA, die den wichtigsten
Arbeitskampf seit den fünfziger Jahren führen.
Die amerikanische Linke, so scheint es, hat ihre
Stimme wiedergefunden. Vereint kämpft sie
gegen ein Gesetz, das Scott Walker, republikanischer
Gouverneur von Wisconsin, durchbringen will, um
fortan Fragen der Renten, Gesundheitsfürsorge
und Arbeitsbedingungen aus Tarifverhandlungen
zu verbannen – es soll nur noch um Löhne
gehen.
|
Das Gesetz AB 11 oder der Klassenkampf
von oben
Scott Walkers Gesetz bildet
die Grundlage für einen breit angelegten
Angriff auf die us-amerikanischen Lohnabhängigen.
Seine Amtszeit startete der republikanische
Gouverneur mit einem Geschenk in Form von
Steuererleichterungen an die Unternehmen
in der Höhe von 140 Millionen US-Dollar.
Gleichzeitig liess er verkünden, die
Überwindung der Haushaltskrise habe
oberste Priorität. Im Namen des Kampfes
gegen das Defizit führte er ein Gesetz
ein, mit dem die Kosten der öffentlichen
Angestellten für Krankenversicherung
und Altersrente von 5000 auf 7000 Dollar
pro Jahr angehoben wurden. Nicht ganz zufällig
sind die Angestellten der Feuerwehr und
der Polizei von dieser Massnahme ausgenommen,
die Spaltung der Arbeiter_innen soll Widerstand
unwahrscheinlicher machen. Das Hauptziel
des neuen Gesetzes ist klar: Die Position
der Lohnabhängigen und der Gewerkschaften
soll massiv geschwächt werden, um künftige
Angriffe auf die Lohnabhängigen leichter
umsetzen zu können. Konkret sieht das
Gesetz vor:
-
Die
Gewerkschaften sollen nur noch über
die Höhe der Löhne verhandeln
dürfen, für alle anderen Fragen
sind keine Verhandlungen mehr vorgesehen!
-
Streiks
der öffentlichen Angestellten sollen
– unter Androhung des Einsatzes
der Nationalgarde – verboten werden.
-
Automatische
Beitragszahlungen an die Gewerkschaften
sollen abgeschafft werden.
-
Arbeitsverträge
dürfen nicht mehr länger als
ein Jahr gültig sein.
-
Die
Gewerkschaftsmitglieder müssen
jährlich darüber abstimmen,
ob sie die Gewerkschaft als verhandlungsberechtigtes
Organ anerkennen.
Neben
diesem Gesetz sind zahlreiche weitere Kürzungen
im Gesundheits- und Bildungswesen vorgesehen,
von denen vor allem arme Familien betroffen
sind. Die öffentlichen Schulen sollen
500 Millionen Dollar weniger erhalten, bei
der öffentlichen Krankenversicherung
für ältere und behinderte Menschen
sollen 500 Millionen eingespart werden (Red.). |
Zustände
wie 1886
Am
meisten haben Walkers antidemokratische Methoden
erzürnt. Mitte Februar versetzte er die Nationalgarde
in Bereitschaft, um jeden Widerstand gegen sein
Gesetz niederzuschlagen. Als in Wisconsin Nationalgardisten
letztmalig gegen streikende Arbeiter_innen aufzogen,
war das am 1. Mai 1886.
Passend
dazu, ist Walkers Gesetzentwurf auf diktatorische
Vollmachten aus, die an den Missbrauch exekutiver
Gewalt durch US-Gouverneure im 19. Jahrhundert
erinnern. In einer Presseerklärung aus seinem
Büro heisst es: «Wenn der Gouverneur
den Not- stand erklärt, dann sieht das Gesetz
künftig Gremien vor, die jeden Beschäftigten
entlassen können , der drei Tage ohne Zustimmung
seines Arbeitgebers der Arbeit fern bleibt oder
an einer organisierten Arbeitsniederlegung oder
einem Dienst nach Vorschrift teilnimmt.»
Alles
fing damit an, dass Lehrer_innen, Student_ innen,
Stahlarbeiter_innen, Krankenpfleger_ innen und
Pensionär_innen in Madison zwölf Tage
lang ununterbrochen auf die Strasse gingen. Man
sah Schilder mit der Aufschrift «Cops for
Labor», obwohl Polizei und Feuerwehr von
Walkers Anti- Gewerkschaftsobsession ausgenommen
sind. «Wir müssen zu unseren Brüdern
und Schwester halten», sagt der 41-jährige
Deputy Sheriff Jim Brigham, der auf einer der
schneebedeckten Mauern des Kapitols steht und
zu 50 Kollegen spricht. Für ihn sei das beabsichtigte
Gesetz Teil eines gewerkschaftsfeindlichen Feldzuges
der Konservativen, die finanziell von den milliardenschweren
Koch- Brüdern1 unterstützt würden.
«Die versuchen, diesen Staat einzunehmen.
Wenn er fällt, werden andere folgen»,
meint Brigham und hat recht. Ohio, Indiana, Arizona
und andere Staaten neigen zu gleichen Anti-Gewerkschaftsgesetzen.
Ground
Zero in Madison
Unter
den Demonstranten ist auch der 63- jährige
Dennis Coyier. Er trägt einen Uncle- Sam-Hut
und verkauft für zwei Dollar Buttons mit
Aufschriften wie «Kill the Bill!»
und «Walker Sucks». «Als
sich Reagan vor Jahren mit der Gewerkschaft der
Fluglotsen angelegte, war das wichtig. Aber das
hier ist wichtiger, es geht um alle. Wir befinden
uns auf Ground Zero. Hier ist der Ort, an dem
die Schlacht geschlagen wird.»
Im
Inneren des Parlaments harren Tausende von Besetzer_innen
aus. Die Polizei hat gelbes Absperrband um Marmorsäulen
gewickelt, damit Zugänge zu Parlamentsräumen
und Büros gesperrt sind. Ansonsten halten
die Aufständischen das gesamte Gebäude
und sorgen für eine Atmosphäre von Musik-
Festival, Kommune und Höflichkeit des mittleren
Westens. In den Nischen liegen Schlafsäcke
für Hunderte von Protestierenden, die über
Nacht auf Posten bleiben. Berge von Pizza-Schachteln
und Wasserflaschen, die von lokalen Unternehmen
gespendet oder von Unterstützer_innen aus
dem ganzen Land finanziert werden, stapeln sich
auf den Fluren.
Der
27-jährige John Stavrellis hält ein
Plakat mit der Aufschrift «Gays for Unions
» (Schwule für die Gewerkschaften)
in die Höhe. Man sei von den Studentenprotesten
in Grossbritannien inspiriert und natürlich
vom Aufruhr in Libyen, Tunesien und Ägypten.
«Unglaublich, wie schnell die Bewegung
wächst – beim ersten Meeting am 14.
Februar waren es 20‘000 Leute, inzwischen
sind wir 70‘000 bis 80‘000.»
Gouverneur
Walker, 2010 durch den Beistand der Tea Party
gewählt, beteuert, er wolle keine Gewerkschaft
zerschlagen, sondern lediglich das Staatsdefizit
reduzieren. Bei einem scherzhaften Telefonanruf,
bei dem er die Koch-Brüder1 am anderen
Ende glaubte, liess er durchblicken, er rechne
damit, dass die Medien irgendwann ihr Interesse
an dieser Auseinandersetzung verlieren, die Proteste
einschliefen und er nach Kalifornien fliegen könne,
um mit den Kochs zu feiern.
Notfalls Generalstreik
Inzwischen
freilich sympathisieren auch Demokrat_innen im
Senat von Wisconsin mit den Demonstrant_innen
und tauchen ab, um den Republikaner_innen das
nötige Quorum zu verderben, die mindestens
eine_n demokratische_n Parlamentarier_in brauchen,
um beschlussfähig zu sein. Für den Fall,
das Gesetz sollte doch vom Senat in Wisconsin
verabschiedet werden, planen die Gewerkschaften
einen Generalstreik.
Die
Eskalation hat einen kaum zu unterschätzenden
parteipolitischen Aspekt, gehören doch die
Gewerkschaften zu den grössten Financiers
der Demokratischen Partei. Wer sie abwürgt,
erklären die Demonstrant_ innen in Madison,
sorge dafür, dass die Republikaner_innen
auf eine Generation hinaus in den USA das Sagen
haben. Deshalb würden die Konservativen in
Wisconsin das Gesetz schon jahrelang vorantreiben.
Der Glaser Mike Minon, der seit Tagen im Kapitol
von Madison aushart, ist überzeugt: Sollte
diese Schlacht verloren gehen, wären die
Arbeiter_innen schutzlos schrumpfenden Löhnen
ausgeliefert.
Es
ist kein Zufall, dass gerade Wisconsin eine solche
Konfrontation erlebt. Der Bundesstaat besitzt
eine reiche Gewerkschaftsgeschichte, war ein Jahrhundert
lang Laboratorium für soziale Reformen und
als nördlicher Aussenposten der USA weitgehend
von deutschen Einwanderer_innen bevölkert.
Die importierten nicht nur Bratwurst und Bier,
sondern auch Bismarcks Wohlfahrtspolitik in Gestalt
einer Sozial- und Unfallversicherung für
Arbeiter_innen. 1959 war Wisconsin der erste US-Staat,
der ein Recht auf Tarifverhandlungen festschrieb.
Die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung verlor im
zurückliegenden Jahrhundert zwar an Mitgliedern
und Einfluss, hat aber nie kapituliert. Sie musste
es als schwerste Niederlage hinnehmen, dass der
US-Kongress 1947 das Taft-Hartley-Gesetz verabschiedete
und damit ein Generalstreik quasi verboten war.
1981 gab es einen weiteren Rückschlag, als
sich Präsident Reagan mit streikenden Fluglotsen
anlegte und gewann, indem er alle entliess. Wisconsin
aber lässt auf einen Erfolg hoffen, der für
die Trade Unions und die Linke mehr wert sein
könnte, als sich augenblicklich absehen lässt.
|
Die Rolle der Demokraten
Die aktuellen Angriffe auf
die Gewerkschaften, Arbeitsbedingungen und
Sozialversicherungen in den USA werden in
aller Regel der ultrarechten Tea Party-Bewegung
und der republikanischen Partei zugeschrieben.
Zu Recht gerät aber auch die Obama
Administration und die demokratische Partei
langsam ins Visier der Protestbewegung.
Denn auch wenn die härtesten und offensichtlichsten
Angriffe derzeit «von ganz rechts»
kommen, so leisten demokratische Gouverneure
wie Andrew Cuomo in New York oder Pat Quinn
in Illinois ebenfalls gute Dienste, wenn
es darum geht, Sozialprogramme zu streichen,
Löhne einzufrieren oder Angestellte
zu entlassen3. Auf Grund der finanziellen
Abhängigkeit der Demokraten von den
Gewerkschaften, die Teile ihres Wahlkampfes
mitfinanzieren, zögern die Demokraten
allerdings, wenn es darum geht, die Gewerkschaften
frontal anzugreifen. Am 14. Februar hat
Präsident Obama im Übrigen sein
neues Sparprogramm vorgestellt und angekündigt,
er wolle während den kommenden fünf
Jahren mehr als 1000 Milliarden Dollar einsparen,
zwei Drittel davon mittels Kürzungen
bei verschiedenen Programmen (Umweltschutz,
Heizkostenhilfe für Bedürftige
usw.)4. Grundstein und Rechtfertigung
für weitere arbeiter- und gewerkschaftsfeindliche
«Sanierungs-programme» sind
also gelegt (Red.).
|
*
Die Originalfassung des Artikels auf Englisch
(US left finds its voice over Wisconsin attack
on union rights) auf: www.guardian.co.uk. Deutsche
Übersetzung von Holger Hutt: www.freitag.de/politik/1109-kill-the-bill.
1 Die Koch-Brüder
sind die Eigentümer von Koch Industries ,
einem us-amerikanischen Unternehmen mit Firmensitz
in Kansas. Das Mischunternhemen ist unter anderem
in den Sektoren Erdöl, Chemie, Energie, Asphalt
, Erdgas, Kunstdünger, Nahrungsmittel und
Kunststoff tätig. Koch Industries und die
Koch-Brüder unterstützen die rechtskonservative
Tea-Party-Bewegung finanziell und organisatorisch.
2 Siehe http://blogs.taz.de/pariswashington/
2011/02/26/grube/.
3 Siehe dazu
beispielsweise den englischsprachigen Bericht
auf Socialist Worker über die geplanten «Sanierungsmassnahmen»
in New York: http:// socialistworker.org/2011/01/13/cuomo-lowers-the-ax.
4 Siehe Spiegel-Artikel
«Obama verordnet Amerika harten Sparkurs».
www.spiegel.de/wirtschaft/ soziales/0,1518,745307,00.html.
|