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Das
Personal ist versammelt und erwartet die Informationen
des SBB-Cargo-Geschäftsführers Perrin
über die bevorstehenden Abbaupläne.
Bevor er seine Rede halten kann, wird er zu einem
klaren Ja oder Nein zur Zukunft des Betriebes
aufgefordert. Dazu ist er nicht in der Lage und
wird, unter dem Schutz einiger Securitas, unter
Schmähworten aus der Halle gejagt –
so beginnt am 7. März 2008 der Streik der
430 Arbeiter der SBB-Cargo-Werkstätte in
Bellinzona.

Was
kommt in dieser ersten, entscheidenden Einstellung
zum Ausdruck? Die Arbeiter sind informiert, sie
haben die Schnauze voll, ihre Personalvertreter
verfügen über ein ausgeprägtes
Klassenbewusstsein, haben eine Vorstellung davon,
was ein politisches Kräfteverhältnis
bedeutet, legen klare Bruchpunkte fest und wissen,
dass, wenn der Kampf einmal ausgebrochen ist,
eine Dynamik, eine Bewegung in Gang gesetzt werden
muss.
Auf
der einen Seite wird sichtbar und mit einer berührenden
Emotionalität und Menschlichkeit geschildert,
wie hier Menschen, Männer, Frauen und ihre
Kinder um ihre Zukunft kämpfen. Auf der anderen
Seite erscheinen die Manager – der Geschäftsführer
Perrin, der oberste Boss Meyer, der politische
Steuermann Leuenberger – mit ihrem geheuchelten
Verständnis und den Sprüchen über
die bedauernswerten aber unabänderlichen
Realitäten des kapitalistischen Marktes,
die – leider, leider – die beschlossenen
Massnahmen unumgänglich machen. Erst der
politische Druck des Streiks und der Bewegung,
die daraus entsteht, zwingt die Bosse dazu, ihre
Massnahmen zu sistieren und Angebote zu versprechen,
in der Hoffnung, das Haupthindernis, die Arbeitsverweigerung,
vom Tisch zu bekommen.
Die
Arbeiter aber haben mit der Parole „Giù
le Mani“ – Hände weg von unseren
Arbeitsplätzen – ihre Position klar
bezogen, die Arbeitsplätze müssen erhalten
bleiben, Punkt. Sie bewachen den Betrieb Tag und
Nacht und befassen sich mit diversen Fragen: Wozu
sie denn eigentlich jeden Tag zur Arbeit gehen
um dann eines schönen Tages auf die Strasse
gestellt zu werden; oder weshalb sie, in einem
Betrieb, den sie jahrzehntelang aufgebaut haben,
schlussendlich nicht das geringste Recht haben,
über dessen Zukunft mitzub estimmen . Plötzlich
erfüllen demokratische Regeln, die zuvor
ausgeschlossen waren, die Betriebsräume .
Plötzlich bestimmen nicht mehr irgendwelche
Bürokraten, sondern die Bewegung gibt den
Ton an. Der Arbeitende ist nicht mehr der Untergebene,
er nimmt sich Zeit, nachzudenken und Entscheide
zu fällen, eignet sich Respekt und Würde
wieder an.

Wer
plant eigentlich unsere Zukunft?
So
fragen die Arbeiter, und erfahren die Kälte
und Unmenschlichkeit des Rentabilitätsdenkens
der Managerkaste in direkter Konfrontation. Der
entscheidende Aspekt, die Autonomie der kämpfenden
Arbeiter, kann erfolgreich verteidigt werden,
nicht zuletzt weil die Tessiner Sektion der Gewerkschaft
Unia bereit ist, ihre Infrastruktur in den Dienst
der Bewegung zu stellen und nicht wie üblich
die Führung an sich reisst (Beispiel: Der
Streik bei Swissmetal Reconvillier) und darüber
bestimmt,
ob der Arbeitskampf noch der Imagepflege dienlich
ist und sich damit eine Investition noch lohnt,
oder ob man nicht mehr in den Arbeitskampf investieren
will.
Einblick
in die harte Arbeit der Wartung der Lokomotiven
wird gewährt. Auch die Tragik der allmählich
eintretenden Ermüdungserscheinungen in der
Belegschaft und bei deren Familienmitgliedern
wird nicht verschwiegen. Der Kampf gegen einen
übermächtigen Gegner, das Monster Kapital
mit seiner Definitionsmacht, mit seinen Massenmedien
und seinen unbegrenzten Mitteln, frisst Energien.
Streikführer Gianni Frizzo nennt es „das
System, welches Träume zerstört.“
Man
ist sich der Kräfteverhältnisse bewusst.
Zweifel werden angesprochen, Taktisches wird in
aller Offenheit diskutiert. Nur die Gegenseite
kann es sich leisten mit verdeckten Karten, mit
Scheinangeboten und leeren Worten zu spielen.
Die Kompromissler, Vermittler, Leute, die in erster
Linie um die Pflege ihre Images besorgt sind,
treten – wie immer in solchen Fällen
– auf den Plan und sorgen für Verunsicherung.
Drohgebärden nehmen das Ausmass eines Nervenkrieges
an.
Entscheidend
ist der Zusammenhalt, der natürlich nicht
ohne Belastungsprobe bleibt. Man weiss, dass letztendlich
nur die Mobilisierung Einfluss auf das Kräfteverhältnis
nehmen kann. Die Verhandlungsphase birgt Gefahren
in sich.
Der
Film endet mit der Zusage Bundes rat Leuenbergers
, Schritte für eine Zukunft der Officine
zu unternehmen und der faktischen Sistierung der
Abbaumassnahmen durch die SBB. Wir bleiben am
Ball.

Für
eine, zwei, drei, hundert Officine!
| Gianni
Frizzo
„STREIK!
Gross geschrieben, ebenso wie die Erfahrung,
die wir mehr als einen Monat lang in unserem
„humanistischen Tempel“, der
Pittureria erlebt haben. Streik! Ein Wort,
das tabuisiert wurde von jenen, die den
Menschen als ein Objekt und nicht als ein
Wesen betrachten; von jenen, die im Namen
der Ökonomie und des Profits die humanen
und sozialen Errungenschaften ausradieren
wollen. Würde, Solidarität, Selbstwertgefühl,
Gerechtigkeitsgefühl, gemeinsames Erleben
von Empfindungen und Gefühlen, dies
sind die Kerngedanken, die beschreiben,
was seit dem 7. März 2008, dem ersten
Tag des Streiks, in der Pittureria, der
Spritzerei, geschehen ist, in der zuvor
ausschliesslich kaltes Material wie Eisen
und Stahl bearbeitet wurde. Ein unvergleichliches
Ereignis, das die Bevölkerung einer
ganzen Region vereinigte. Mitbürger,
die nicht zögerten, sich den Arbeiterinnen
und Arbeitern des Industriewerks anzuschliessen,
um auf Strassen und Plätzen zivilisiert
ihrer Empörung Ausdruck zu geben.
Diese
generelle Energie hat nicht nur die regionalen
Politiker aus dem Tessin und des italienisch
sprechenden Graubündens dazu gezwungen,
einzugreifen, sondern sie hat auch Bundesrat
Moritz Leuenberger aufs Spielfeld gebracht.
Ein
Streik, der – wahrscheinlich zum ersten
Mal in der Schweiz – von der Basis
ausgelöst wurde und von ihr geführt
wird. Das Streikkomitee besteht aus sieben
einfachen Arbeitern und vertritt die Anliegen
der Basis. Es wird von den Gewerkschaften
Unia, SEV und Transfair unterstützt.
Die sieben Arbeiter sind die Wortführer
der 430 Kollegen, die ihnen mittels Plenarversammlung,
Ausdruck der aufrechtesten direkten Demokratie,
ihre Entscheidungen anvertrauen. Die Parteien
einigten sich zu Gesprächen an einem
runden Tisch, an dem – endlich in
paritätischer Weise – alle Beteiligten
aufgefordert sind, Überlegungen und
Gedankengänge zu vollziehen, mit dem,
was jeder einzelne verkörpert, d.h.
auf gleicher Ebene. Ohne Schranken und Hierarchien,
sondern mit menschlichem Verstand, der persönlichen
Überzeugung und dem eigenen Bewusstsein.
Dreissig
Tage Streik und monatelange Verhandlungen
sind Erfahrungen, die – auch wenn
ich dabei viel Kummer erleiden musste –
meinem Leben einen Sinn gegeben haben. Diese
Ereignisse haben uns (für einmal!)
zu Menschen gemacht, statt zu Objekten.
Ich denke dabei an einen alten Gesang aus
Brasilien, der lautet: „Wenn du alleine
träumst, ist es nur ein Traum; wenn
viele denselben Traum träumen, wird
er zur Realität“.
Aus
dem Booklet der DVD „Giù le
mani“. Filmvorführung siehe Agenda
auf der Rückseite dieser Debatte. |
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