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Aufstand
der Pariser Kommune 1871. |
Heute
scheint der Begriff der Avantgarde im besten Fall
ins Museum der Arbeiter_ innenbewegung zu gehören,
im schlimmsten Fall in den Abfalleimer der Geschichte.
Es gibt es praktisch keine Organisation mehr,
die sich zu den Erben der Arbeiter_innenbewegung
zählt und sich positiv auf den Begriff der
Avantgarde bezieht. Die Einen, von einer antiautoritären
Tradition (z.B. libertäre oder rätedemokratische
Strömungen) her kommend, haben den Begriff
der Avantgarde schon immer abgelehnt. Sie verstehen
ihn als direkten Gegensatz zum Projekt der Selbstemanzipation,
das den Kern des Kampfs der Unterdrückten
darstellt. Die Anderen, aus der leninistischen
Tradition stammend, wagen es nicht mehr, auf die
Vorstellung der Avantgarde zu verweisen –
dies gilt für die grosse Mehrheit unter ihnen
– oder haben sogar explizit darauf verzichtet
angesichts der Tragödien und Verbrechen,
die im Namen der Avantgarde geschehen sind. Der
hier unternommene Versuch, dieses Konzept wieder
aufzunehmen, ist also ein gewagter. Erst recht
wenn man sich (wie ich) zu einem nicht autoritären
Konzept der sozialen Revolution bekennt; wenn
man denkt, dass «die Emanzipation der Arbeiter
das Werk der Arbeiter selbst sein muss»
(Prä-ambel der Statuten der internationalen
Arbeiter- Assoziation, d.h. der I. Internationale)
und den Satz unterschreibt: «Es rettet uns
kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser
noch Tribun », wie es Eugène Pottier
richtig in einer Strophe der Internationale sagte.
Mein
Vorhaben mag wie eine Inkonsequenz oder eine Provokation
erscheinen. Der Gedankengang ist in Thesen formuliert.
Ich erhebe nicht den Anspruch, die Frage erschöpfend
zu behandeln. Manche Probleme, die der Begriff
der Avantgarde heute stellt, werden offen oder
beiseite gelassen. Der Text ist als Diskussionsbeitrag
gedacht.
These 1. Avantgarde und Generalstab sind nicht
dasselbe
Ich
bin der Überzeugung, dass die ganze Diskussion
rund um den Begriff der Avantgarde durch die Verwirrung
zwischen Avantgarde und Generalstab verzerrt wird.
Wir müssen mit der Unterscheidung dieser
zwei Begriffe beginnen. Da sie aus einer militärischen
Metapher stammen, beziehen wir uns auf das Handwerk
des Krieges und auf die Organisation von Armeen.
In diesem Feld sind die beiden Begriffe eindeutig
zu unterscheiden. In der militärischen Organisationsform
– das prototypische Modell der hierarchischen
und autoritären Organisation – ist
der Generalstab das Organ, das die Bewegungen
aller Truppenteile führt, organisiert und
kontrolliert, dies nach einer nur ihm bekannten
Strategie und nach einer Taktik, die sich je nach
Umstände ändert. Der Generalstab verlangt
und erhält normalerweise bedingungslose Unterordnung
der unteren Hierarchiestufen und selbstverständlich
der einfachen Soldaten. Die Befehle des Generalstabs
durchlaufen die ganze Befehlskette und er erwartet
von den unteren Stufen umgekehrt Ausführungen
und Informationen, die es erlauben, Befehle falls
nötig zu berichtigen.
Hingegen
ist die Avantgarde ein kleiner Teil der sich in
Bewegung befindenden Truppe, der nach vorne abgesetzt
ist von der Mehrheit, um das Terrain zu inspizieren,
die vom Feind besetzten Positionen und seine Absichten
zu eruieren, ja sogar notfalls eine unvorhergesehene
Offensive des Feindes abzuwehren und somit eine
erste defensive Linie aufzustellen. Wenn in diesem
Sinne die Avantgarde wertvoll und teilweise ausschlaggebend
ist, so bleibt sie doch den Befehlen des Generalstabes
vollkommen untergeordnet und könnte sich
nie an dessen Stelle versetzen.
Avantgarde
im politischen Sinn
Verlassen
wir das militärische Terrain, um auf das
politische zurückzukommen. In der Arbeiter_innenbewegung
lässt sich die Verwirrung zwischen Avantgarde
und Generalstab auf die Zeit der Entstehung politischer
Parteien zurückführen, die sich 1889
hauptsächlich rund um die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands in der II. Internationalen
zusammenschlossen. Zu dieser Zeit kam nämlich
ein sehr spezielles Modell der Arbeiter_ innenbewegung
auf, das sozialdemokratische Modell im Sinne des
damaligen Ausdrucks, wie er bis 1914 verwendet
wurde. Dieses Modell machte aus der politischen
Partei die Organisation der Avantgarde der gesamten
sozialen Klasse. Es ordnete somit die Emanzipation
des Proletariats der Ergreifung und Ausübung
der Staatsmacht unter.1 Im Geiste ihrer
Erfinder und vor allem in der Praxis ihrer Führungsfiguren
ist diese Partei viel mehr ein Generalstab als
eine Avantgarde: Unter Führung von «intellektuellen»
Sozialisten die, erhellt durch den Marxismus,
die Gesetze der Geschichte kennen und als einzige
in der Lage sind, Entwicklung und Zukunft des
Kapitalismus zu verstehen und zu erklären,
erschien die sozialdemokratische Partei als Inhaberin
der historischen Interessen der Arbeiter_innenbewegung
und allein dazu in der Lage, das Proletariat auf
dem Weg der Emanzipation zu führen.
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Wie
Avantgarde nicht verstanden werden sollte… |
Man
wird sich wundern, dass die Verwirrung zwischen
Generalstab und Avantgarde hier der sozialdemokratischen
Tradition zugeschrieben wird und nicht –
wie so oft – dem Leninismus. Das Hauptwerk
des Leninismus zu diesem Thema, «Was tun?»
(1902), wiederholt nur die grundlegenden Prinzipien
der sozialdemokratischen Organisation, welche
alle grossen Parteien der II. Internationale damals
umsetzten, und passte sie den Umständen des
zaristischen Russlands an. Als würdiger Jünger
von Kautsky,2 auf den er sich mehrmals
bezieht, entwickelt Lenin in «Was tun»
diejenigen Reformprinzipien der sozialdemokratischen
Partei Russlands, die ihre bolschewistische (Russisch
für «Mehrheit») Strömung
entstehen lässt. Zudem besitzt der Leninismus
kein Monopol auf diesen Prinzipien, auch wenn
wahrscheinlich in seinen Strömungen, nämlich
in der III. und IV. Internationale, diese Prinzipien
am rigorosesten angewendet wurden. Wie diese damit
Schiffbruch erlitten, ist hinlänglich bekannt...3
Was
ist nun eine politische Avantgarde? Generell ist
es die vorderste Spitze einer sozialen Bewegung.
Sie umfasst eine gewisse Zahl von Einzelkämpfer_innen
und isolierte oder in Netzwerken funktionierende
Gruppen sowie mehr oder weniger formalisierten
Organisationen unterschiedlicher Art. Eine solche
Avantgarde muss das Ziel verfolgen, theoretisch
und praktisch den Horizont der Bewegung zu erforschen;
sie muss die Felder erkennen und markieren, auf
die es vorzurücken gilt; d.h. theoretische,
programmatische, strategische und taktische Positionen
entwickeln und diese der Diskussion und der kollektiven
Entscheidung unterbreiten. Aber damit erwirbt
die Avantgarde nicht das Recht, die gesamte Bewegung
führen zu wollen, indem sie sich als Oberbefehlshaberin
aufspielt, um letztlich die Bewegung zu ersetzen.
Eine Avantgarde darf also nicht versuchen, eine
Bewegung zu führen, an deren Spitze sie steht;
sie muss sich damit begnügen, die Bewegung
mit ihren Informationen und Analysen zu erhellen,
sie mit ihren taktischen und strategischen Vorschlägen
zu beraten, sie zu instruieren, aber sie auch
anzuhören und von ihr zu lernen. Denn «der
Erzieher selbst muss erzogen werden».4
Und die Avantgarden müssen sich darauf vorbereiten,
manche bittere Lektionen von der Bewegung zu erhalten,
der sie den Weg ebnen sollen. Dies ist gerade
der Grund, warum die Avantgarde sich nicht als
Besitzerin einer absoluten Wahrheit, der einzigen
und definitiven Formel betrachten darf, sondern
offen bleiben muss für das historische Werden,
für die Entwicklung der Kräfteverhältnisse
in den Klassenkämpfen und die Wendungen dieser
Kämpfe, für den Erfindungsgeist des
kämpfenden Proletariats, um wenn notwendig
die eigenen Positionen und Vorschläge zu
berichtigen. Die Avantgarde befindet sich also
in der sozialen Bewegung, sie ist vollständig
Bestandteil davon, ihre vorderste Spitze, ihr
suchender Kopf.
These
2. Avantgarden sind notwendig
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Marsch
der Arbeiter nach Pichelsberg (Berlin),
1890. |
Sie
sind sogar im doppelten Sinne notwendig. Einerseits
sind sie unausweichlich aufgrund der Ungleichheiten
in der Entwicklung von Kämpfen und Organisation,
in der Entwicklung des Klassenbewusstseins und
eines autonomen politischen Projekts im Verlauf
der Emanzipationsbewegung des Proletariats. Diese
Ungleichheiten in der Entwicklung ergeben sich
aus verschiedenen Faktoren: Konzentration und
Zentralisation der Klasse selbst, Positionen von
Schichten und Fraktionen derselben in der sozialen
und räumlichen Arbeitsteilung, in früheren
Kämpfen gesammelte Erfahrungen, nationale
politische Strukturen und Traditionen und letztendlich
die Stellung der nationalen Formation im globalen
kapitalistischen System. Avantgarden sind aber
auch notwendig, ja sie sind wünschenswert,
sogar unabdingbar, damit die Bewegung für
die Emanzipation des Proletariats als Ganzes voranschreitet.
Ohne ihre Vermittlung droht jeder Teil oder jeder
Sektor der Klasse, sich in seine eigenen Besonderheiten
zu verstricken. Es müsste teilweise der gleiche
lange und schmerzhafte Weg gemacht werden, der
schon von anderen Teilen und Sektoren durchlaufen
wurde. Oder es wäre nicht möglich, den
anderen Sektoren der Arbeiter_innenklasse die
theoretischen und praktischen Lehren aus den eigenen
Erfahrungen weiterzugeben. Es ist übrigens
eine Vermittlungsaufgabe, die Engels und Marx
den Kommunisten im Manifest der kommunistischen
Partei zuschreiben: «Die Kommunisten unterscheiden
sich von den übrigen proletarischen Parteien
nur dadurch, dass sie einerseits in den verschiedenen
nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen,
von der Nationalität unabhängigen Interessen
des gesamtes Proletariats hervorheben und zur
Geltung bringen, andererseits dadurch, dass sie
in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche
der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie
durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung
vertreten.»5
[Fortsetzung
in der nächsten Debatte- Nummer]
1 Zum sozialdemokratischen Modell der Arbeiter_
innenbewegung, das sich letztlich gegenüber
dem zur selben Zeit entstehenden revolutionären
Syndikalismus durchsetzte, siehe: Entre bourgeoisie
et prolétariat. Le mouvement ouvrier en
crise, Editions Ouvrière (Editions de l'Atelier),
1991.
2
Karl Kautsky, 1954-1938, wichtiger Theoretiker
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD),
später Gründer der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD),
die eine Zwischenstellung zwischen der Sozialdemokratie
der II. Internationale und den Kommunistischen
Parteien der III. Internationale einnahm.
3
Historische Quelle des sozialdemokratischen Begriffs
der avantgardistischen Partei ist zweifellos das
bürgerliche Erbe der Aufklärung. In
diesem Fall geht es um die Idee, dass das Volk
nur durch eine aufgeklärte Elite emanzipiert
(also auf dem Weg zum Fortschritt geführt)
werden kann.
4
So steht es in den «Thesen über Feuerbach»
von Karl Marx (3. These). Vgl. Marx Engels Werke,
Band 3, Berlin 1978, S. 5-7.
5
Karl Marx und Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen
Partei. Reclam, S. 34. |