| Die
Generation der Revolution ist am Verschwinden.
Der jüngere Bruder soll zwar die Kontinuität
in der „Zeit nach Fidel“ sicherstellen.
Doch der Altersunterschied von 5 Jahren, der die
beiden Brüder trennt, zeigt, wie provisorisch
diese Lösung ist, und trägt nicht dazu
bei, diejenigen zu beruhigen, die nach dem Abgang
des höchsten Kommandanten den Ausbruch einer
Krise und des Chaos befürchten.
Das
Ausmass der sozialen Krise
In
der Tat „sind die Widersprüche der
kubanischen Gesellschaft unübersehbar und
beunruhigend“. Auf Fidel Castro wird nicht
mehr gehört wie früher, seine Legitimität
ist schwächer geworden. Seine Reden gehen
an den täglichen Problemen vorbei, mit denen
die meisten Kubaner konfrontiert sind. Der wirtschaftliche
Einbruch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion
hat die gesamte Gesellschaft erschüttert.
In Europa fällt es schwer zu verstehen, wie
gravierend die soziale Krise auf der Insel ist.
Die
1993 eingeführte Dollarisierung, die bis
2004 grassierte, hat die zuvor ziemlich egalitäre
Lohnstruktur verändert. Die Existenz zweier
Währungen und der Wechselkurs zwischen Dollar
und Peso haben die im öffentlichen Sektor
beschäftigten Kubaner, deren Löhne in
Peso bezahlt werden, stark getroffen. Aufgrund
mangelnder Investitionen ist das Transportsystem
schlechter geworden und der Zustand der (viel
zu wenigen) Wohnungen katastrophal. Die Lebensmittel
sind in den Supermärkten und auf den freien
Bauernmärkten sehr teuer, und mit der Libreta
(das Büchlein mit den Lebensmittelgutscheinen)
kann man sich nur 10 bis 12 Tage ernähren.
Allgemein ist der Zustand der Infrastrukturen
(auch der Kanalisationssysteme) sehr schlecht.
Reformen
und steigende Ungleichheiten
Diese
Verschlechterung der Lebensbedingungen hat in
einem schwierigen weltweiten Umfeld stattgefunden.
Havanna hatte seine Verbündeten verloren
und stand auf der internationalen Ebene isoliert
der neoliberalen Politik gegenüber, die in
den 1990er Jahre in Lateinamerika voll zur Entfaltung
kam. Um der Krise standzuhalten, akzeptierte Fidel
Castro zögernd einige marktwirtschaftliche
Reformen (Legalisierung des Dollars, Bewilligung
der bisher verbotenen freien Bauernmärkte,
private Geschäftstätigkeiten, landwirtschaftliche
Kooperativen, ausländische Investitionen,
Entwicklung des Tourismus, usw.). Obwohl sie begrenzt
blieben, haben diese Reformen sehr grosse Ungleichheiten
unter den Kubanern eingeführt und einen Gegensatz
zwischen denen geschaffen, die keinen Zugang zur
grünen Banknote haben, und denen, die in
den Genuss von Überweisungen (remesas) ihrer
Familien im Ausland oder von Einnahmen aus dem
Tourismus kommen. Die Ungleichheiten wurden sehr
schlecht ertragen; die soziale Unterstützung,
die den ärmsten Schichten seit der Revolution
zukam, wurde in Frage gestellt, selbst wenn die
Kubaner weiterhin auf unentgeltliche Gesundheitsdienste
und Bildung zählen können. Nun herrschte
der Dollar, unabhängig von beruflichen Fähigkeiten.
„Die soziale Pyramide wurde auf den Kopf
gestellt“, und damit auch die „Werte“
und die Ethik der Revolution.
Die
Kluft zwischen den Generationen
Ein
weiterer, demographischer Grund hat die schwierige
Situation verschärft: der wachsende kulturelle
und politische Graben zwischen der Generation
der Revolution und der Mehrheit der Bevölkerung,
die nach 1959 geboren ist. Die Jugend hat die
Diktatur von Batista nicht mehr erlebt, sie kennt
nichts anderes als die Krise, und die durch Fidel
Castro ununterbrochen in Erinnerung gerufenen
sozialen Errungenschaften - unentgeltliche Gesundheitsdienste
und Bildung, Vollbeschäftigung - reichen
nicht aus, um ihre Aspirationen zu befriedigen.
Die Jugend möchte reisen, kann aber nicht.
Der Internetzugang wird überwacht. Die verfügbaren
beruflichen Möglichkeiten entsprechen oft
nicht den erlernten Qualifikationen. Die in den
Medien vorherrschende Phrasendrescherei macht
die Informationen unerträglich. Die durch
die Revolution ermöglichte Bildung und das
gestiegene kulturelle Niveau der jüngeren
Generationen lassen sich immer weniger in das
durch Fidel Castro vorgegebene enge Korsett zwängen.
Diese
Kluft zwischen den Generationen hat eine weitere
Folge. Der höchste Kommandant, dessen Redetalent
die Massen faszinierte und der vor aufmerksamem
Publikum stundenlang sprechen konnte, fällt
inzwischen dem Patriarchensyndrom zum Opfer. Sein
Charisma hat sich veralltäglicht. Es kommt
vor, dass man seine Reden zappt. Selbst wenn die
Flagge des Castrismus in Lateinamerika wieder
an Ausstrahlung gewonnen hat, reichen die aussenpolitischen
Erfolge nicht, um die Abnutzung des Images auf
der Insel auszugleichen. Daran ändert auch
die Tatsache nichts, dass die auf dem Kontinent
durch den Liberalismus verursachten Katastrophen
- 50% Arme oder Bedürftige leben dort mit
weniger als zwei (oder sogar einem) Dollar am
Tag - die Situation der am stärksten benachteiligten
Kubaner in einem etwas milderen Lichte erscheinen
lassen.
Korruption
und Doppelmoral
Die
Wirtschaftskrise, die Reformen und die in den
öffentlichen Sektor geschlagene Bresche haben
eine neue Welle der Korruption ausgelöst.
Der Schwarzmarkt blüht auf der Grundlage
von Diebstählen im staatlichen Sektor. Der
Erfolg privater Geschäfte in einem System,
dessen extreme staatliche Zentralisierung die
alltäglichen Bedürfnisse nicht zu befriedigen
vermag, hat die Entwicklung der informellen Ökonomie
begünstigt: Spengler, Mechaniker und Maler
treiben ihre Geschäfte und bleiben gleichzeitig
bei einem Staatsunternehmen, um ihre sozialen
Rechte nicht zu verlieren. In diesem Unternehmen
besorgen sie sich ausserdem, was sie für
ihren privaten Erwerb benötigen. Das jüngste
Beispiel dafür sind die umfangreichen Benzindiebstähle
in Tankstellen - mit Unterstützung der Tankwarte.
Die „Doppelmoral“ ist in Kuba verbreitet
und angesichts der Unmöglichkeit, „normal“
zu leben, gerechtfertigt. Denn wie viele Kubaner
sagen: Um unter diesen Bedingungen zu überleben,
„muss man stehlen oder das Land verlassen“
- oder zusammenbrechen.
Ein
Richtungswechsel ist unumgänglich
Die
wirtschaftlichen, sozialen, politischen und demographischen
Spannungen erzwingen einen Richtungswechsel. Aber
in welche Richtung? Die Übergangsmodelle
nach spanischem oder chilenischem Muster, die
gewisse europäische oder amerikanische Offizielle
oft als Beispiele nennen, würden die Zerschlagung
des wirtschaftlichen und politischen Systems bedeuten.
Im Gegensatz dazu erwarten grosse Bevölkerungsteile
weiterhin Veränderungen im Rahmen des Systems,
selbst wenn andere der Meinung sind, dieses sei
gescheitert und es müsse eine Marktwirtschaft
eingeführt werden.
Die
Nachfolger von Fidel Castro stehen vor mehreren
Schwierigkeiten. Erstens muss der Lebensstandard
verbessert werden. Welche Wirtschaftsreformen
sind vorzunehmen? Welche sozialen Spannungen werden
dafür in Kauf genommen? Dann muss mittelfristig
eine neue institutionelle Legalität definiert
werden, die sich auf eine tatsächliche Beteiligung
der Bevölkerung stützt. Es ist unmöglich,
das bestehende politische System aufrecht zu erhalten,
wenn Fidel nicht mehr da ist. Schliesslich gilt
es diese wirtschaftlichen und politischen Veränderungen
in einer konfliktreichen Situation voranzutreiben,
unter der Androhung von Eingriffen durch die Administration
von George W. Bush.
1
J. L. Anderson, El Pais, 4. August 2006
2 Gemeint ist der Dollar (Red.).
3 In dieser Hinsicht gibt es in Europa viele Missverständnisse.
Das parasitäre Grossbürgertum und die
Mittelschichten haben durch die Revolution Schaden
erlitten, obschon in den ersten Jahren vermögende
Kreise Fidel Castro aus ideologischen Gründen
unterstützt haben. Ganz anders sieht es bei
den Ärmsten aus, deren sozialer Status sich
bis zur Krise verbessert hat. Sie waren bis vor
kurzer Zeit die wichtigste Stütze
des Castrismus.
4 Der Diktator Fulgencio Batista y Zaldívar
herrschte 1952-58 mit Unterstützung der USA
auf der Insel.
5 Der Soziologe Max Weber (1864-1920) bezeichnete
als Veralltäglichung des Charismas den Prozess,
in dessen Verlauf eine nur auf dem Glauben an
die aussergewöhnlichen Fähigkeiten eines
Herrschers beruhende politische Herrschaft durch
Rationalisierung und Strukturbildung an Dauerhaftigkeit
gewinnt (Red.).
6 J. L. Anderson, El Pais, 4. August 2006.
7 Gemeint sind die unblutigen Übergänge
zur Demokratie nach den Militärherrschaften
in Spanien und Chile (Red.).
Janette
Habel ist eine ausgewiesene Kennerin Lateinamerikas
und insbesondere Kubas. Sie schreibt regelmässig
für die Zeitschrift Le Monde Diplomatique.
In deutscher Sprache hat sie 1997 folgendes
Buch veröffentlicht: Kuba - Gesellschaft
im Übergang. Köln, Neuer ISP-Verlag.
Wir veröffentlichen hier einen Auszug
aus ihrem Artikel,
der auf Deutsch in Inprekorr, Nr. 424/425,
publiziert
wurde. Die Zwischentitel wurden von der Redaktion
gesetzt. |
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