| Die
Margarete Buber-Neumann hat überlebt, ihre
Erfahrungen niedergeschrieben und in Vorträgen
mitgeteilt. Ihr tragisches Schicksal ist von Interesse
für die Perspektive des Kommunismus oder
Sozialismus heute, selbst wenn sich Margarete
Buber-Neumann auf Grund dieser Brüche von
ihrem Engagement – sie bezeichnete sich
in der Rückschau als „gläubige
Kommunistin“ – lossagte und nach dem
Zweiten Weltkrieg Freiheit und Demokratie nur
noch mit dem westlichen Kapitalismus identifizieren
konnte.
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| „Nach
Mitternacht pflegten die schweren Schritte
zu kommen.“ |
Revolutionäre
Zeiten in Deutschland
Ihre
Lebensgeschichte spielt sich in einer geschichtlich
einschneidenden Zeit ab, sie erlebt als junger
Mensch die deutsche Revolution, später die
Machtergreifung Hitlers, Emigration, dann Deportation
innerhalb der Sowjetunion und schliesslich das
KZ-Regime der Nazis. Obwohl sie in den Zusammenhängen
der Kommunistischen Partei Deutschlands, der KPD,
immer nur als Anhängsel ihres Ehemanns Heinz
Neumanns galt und entsprechend abgeschirmt wurde
von Informationen, ist gerade ihre Schilderung
des Bewusstseinsprozesses ergreifend, durch den
sie nach und nach die menschenverachtende Politik
stalinistischer Prägung wahrnimmt, die sie
letztlich ins KZ führt.
Ihre
Aufzeichnungen sind von eigenartiger Besonnenheit
und nicht im Stil von Hetzschriften gegen den
„Kommunismus“ gehalten. Dennoch wurde
Margarete Buber-Neumann immer wieder als Lügnerin
attackiert. Sie erwähnt einen Vortrag, den
sie anfangs der 1950er Jahre in Zürich gehalten
hat: Es brach ein Saalschlacht aus, ihre Gegner
wollten ihre „Anhänger“ in die
Limmat werfen. Der Vorwärts, die Zeitung
der Partei der Arbeit, beschimpfte sie als "alte
Trotzkistin und amerikanische Agentin", wie
der Historiker Peter Huber in seinem Buch "Stalins
Schatten in die Schweiz" notiert.
Parteifunktionärin
der KPD
Margarete
Buber-Neumann ist 1901 in Potsdam geboren, ihr
Vater ist ein Bauernsohn, der sich durch „Arbeit
und Disziplin“ zum Brauereidirektor hochgearbeitet
hat; sie erinnert sich an seine Kriegsbegeisterung
1914. Ihre Mutter dagegen, ebenfalls bäuerlicher
Herkunft, hält Militärparaden für
„lächerliches Theater“ und nennt
den Kaiser einen „grössenwahnsinnigen
Säbelrassler“. Ein Onkel mütterlicherseits
sympathisiert schon früh mit sozialistischen
Ideen.
Über
die Beteiligung an der Jugendbewegung kommt Margarete
Buber- Neumann in Kontakt mit sozialistischen
Ideen. 1926 tritt sie der KPD bei, ab 1928 arbeitet
sie als Redaktorin für die KPD-Zeitschrift
Internationale Pressekorrespondenz (Inprekorr)
in Berlin. Wegen ihres politischen Engagements
verliert sie das Sorgerecht für ihre zwei
Kinder aus der bald geschiedenen Ehe mit Rafael
Buber, dem Sohn des jüdischen Philosophen
Martin Buber. Während ihrer Arbeit in der
Parteizentrale in Berlin, wo sich auch die Büros
der Inprekorr befinden, lernt sie Heinz Neumann
kennen, der 1929 bis 1932 zum Führungstrio
der KPD gehört, zusammen mit Ernst Thälmann
und Hermann Remmele. Heinz Neumann gilt damals
als Günstling Stalins, bevor er 1932 als
Sekretär abgesetzt und nach und nach politisch
abgesägt und kaltgestellt wird, bis hin zu
seiner Verhaftung und Hinrichtung durch das Sowjetregime
1937.
Die
Sozialfaschismusthese
Gründe
für die Absetzung Heinz Neumanns waren unter
anderem Differenzen mit Moskau betreffend die
Deutschlandpolitik der Kommunistischen Internationale.
Der aufkommende Nationalsozialismus sollte der
ArbeiterInnenbewegung in Deutschland einen vernichtenden
Schlag zufügen, wie die Geschichte gezeigt
hat. Die Einheitsfront, das Zusammengehen der
kommunistischen und nicht - kommunistischen Teile
der ArbeiterInnenbewegung zur Bekämpfung
des Faschismus, wurde jedoch erst 1935 von Stalin
verordnet. Davor galt die von Moskau vorgegebene
Sozialfaschismusthese, nach der im Deutschland
der frühen 1930er Jahre die Sozialdemokratie
der Hauptfeind der Kommunisten sei. Es ist heute
unbestritten, dass diese Sozialfaschismusthese
durch die Feindschaft zwischen SPD und KPD den
Nationalsozialisten die Machtübernahme erleichterte.
Wie
Peter Huber schreibt, hat Heinz Neumann zwischen
1929 und 1932 den Apparat der KPD unzimperlich
von nicht linientreuen Genossen „gereinigt“.
Er gerät selbst in Ungnade, wegen seiner
Kritik, Stalin würde die Gefahr einer Machtübernahme
der Nationalsozialisten unterschätzen.
Margarete Buber-Neumanns Schicksal ist fest an
den Werdegang Heinz Neumanns geknüpft. Sie
wird mit ihm nach Moskau berufen, dann für
eine Mission nach Spanien geschickt und schliesslich
zurückgerufen. Ihr Weg nach der Emigration
aus Deutschland infolge der Machtergreifung Hitlers
1933 beinhaltet auch einen Aufenthalt in der Schweiz.
Der Wechsel zwischen Absägen, Verleumden,
Hinhalten und Demütigen seitens der Organe
der Komintern treibt Heinz Neumann schliesslich
dazu, 1935 der verhängnisvollen Aufforderung
Folge zu leisten, nach Moskau zu reisen. Er hat
vor, die falschen Anschuldigungen gegen ihn zu
berichtigen. Seine Treue zur Sache des Kommunismus
sucht er wie viele andere unter Beweis zu stellen,
indem er mit als Verrätern gebrandmarkten
Genossen besonders hart abrechnet.
Im
Hotel Lux
Margarete
Buber-Neumann und Heinz Neumann leben ab 1935
im Moskauer Hotel Lux, wo in den frühen Jahren
der Sowjetunion führende politische Emigranten
einquartiert wurden. Dort geraten sie –
im Klima der aufkommenden stalinistischen Säuberungen
– mehr und mehr in die Isolation. „Nach
Mitternacht pflegten die schweren Schritte zu
kommen. Aus dem Zimmer von gegenüber hatten
sie einen Bulgaren geholt, aus dem Stockwerk unter
uns einen Polen. Wenn ich am Tage durch die Gänge
des 'Lux' ging, musterte ich scheu die Türen,
ob wieder irgendwo eine von der NKWD versiegelt
worden war“, schreibt Margarete Buber-Neumann
über die gespenstigen Verhaftungen im Hotel
Lux durch das Volkskommissariat des Inneren (NKWD).
Sie und Heinz Neumann leben in dieser Zeit von
Übersetzungsarbeiten. Eines Tages wird ihnen
ein unfangreiches Manuskript zur Übersetzung
ins Deutsche übergeben: Das Protokoll des
ersten Moskauer Schauprozesses, im August 1936
gegen Sinowjew, Kamenew und weitere Angeklagte
durchgeführt.
Kurz danach wird ein Freund, Heinrich Süsskind,
im Hotel Lux verhaftet. „Es ist eine der
seltsamsten menschlichen Eigenschaften, dass wir
erst dann eine Gefahr wirklich erfassen, wenn
das Unheil einen nahen Freund ereilt. Dabei hatten
wir als Übersetzer doch soeben den Schauprozess
gegen Sinowjew und Kamenew miterlebt und hörten
jeden Tag von immer neuen Verhaftungen! Natürlich
jagte der Gedanke an diese Ungeheuerlichkeiten
mir Schauer über den Rücken, aber trotzdem
war dieser Schrecken unpersönlich geblieben,
ein abstrakter Schrecken, der mich zwar lähmte
und aus der Fassung brachte, den ich aber noch
nicht vollends in die Wirklichkeit meines Lebens
einzubeziehen vermochte.“ Für Heinz
Neumann, der wenige Monate später selbst
verhaftet und erschossen wird, ist die Verhaftung
Süsskinds der Schock, der ihn endlich feststellen
lässt: „Nun ist für mich der letzte
Zweifel beseitigt, jetzt weiss ich, dass sie Unschuldige
verhaften“.
Vom
Gulag ins Konzentrationslager
Im
gleichen Jahr – 1937 – wird Margarete
Buber-Neumann vom NKWD verhaftet und landet etwas
später im sowjetischen Gulag. 1940 liefert
sie Stalin an Hitler aus, sie überlebt bis
1945 im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück.
Dass eine, die ihr Leben für den Kommunismus
sowjetischer Prägung gegeben hat und „geopfert“
wurde, wieder aufsteht und von ihren Erfahrungen
berichtet, zeugt von beachtlicher Kraft und Aufrichtigkeit.
Dass sie im einzelnen schildert, wie lange sie
aufkommende Zweifel an der Richtigkeit der stalinschen
Politik unterdrückte, zeigt eine grosse Bereitschaft,
aus der eigenen Geschichte zu lernen. Dieselbe
Bereitschaft ist der Linken zu wünschen,
sofern sie eine neue, glaubwürdige Perspektive
für den Sozialismus, den Kommunismus entwickeln
will. |