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„Dieses
Buch wurde anfangs der 1990er Jahre, also kurz
nach dem Zusammenbruch der UdSSR, geschrieben.
Ich rechnete damit, dass sich im ehemaligen ‚Ostblock’
wieder eine starke Arbeiterbewegung bilden (…)
werde.“ Mit diesen Worten leitet Ulrich
sein 152 Seiten langes Werk ein, und dementsprechend
ist es auch geschrieben: Engagiert, spannend und
zugleich leicht verständlich (auch für
jüngere LeserInnen), ohne dabei die wichtigsten
historischen und politischen Aspekte ausser Acht
zu lassen. Neben den wichtigsten Lebensphasen
Trotzkis führt das Buch auch in seine theoretischen
Überlegungen (Permanente Revolution) ein.

Permanente
Revolution
Trotzkis
Theorie der permanenten Revolution war eine „selbstständige
dialektische Entwicklung der revolu-tionären
marxistischen Theorie, die ihn 1917 befähigen
sollte, in der Oktoberrevolution neben Lenin die
führende Rolle zu spielen“. Sie war
das Ergebnis intensiver Auseinandersetzung mit
den Klassenverhältnissen des zaristischen
Russlands. Während die meisten SozialistInnen
zu jener Zeit davon ausgingen, dass Revolutionen
sich nach einem festen Schema entwickeln und der
Übergang zum Sozialismus somit das Vorhandensein
einer bürgerlichen Demokratie voraussetze,
hielt Trotzki eine demokratischbürgerliche
Entwicklung in Russland weder für möglich
noch unumgänglich. Eine im Vergleich zu anderen
europäischen Ländern schwache Bourgeoisieklasse
(und damit auch eine schwache industrielle Entwicklung),
eine zahlenmässig ebenfalls schwaches Proletariat
sowie die riesige und breitflächig verteilte
Bauernschaft Russlands verhindere, dass das Bürgertum
im Kampfe gegen den Zarismus und die adligen Grossgrundbesitzer
eine fortschrittliche Rolle spielen könne.
Für Trotzki war demnach einzig und alleine
eine Bewegung unter Führung des revolutionären
Proletariats dazu in der Lage, den reaktionären
Kapitalismus in Russland zu überwinden.
Trotzki
vs. Lenin
In
diesem Zusammenhang sind auch die zahlreichen
Differenzen zwischen Lenin und Trotzki zu verstehen,
die Ulrich anschaulich schildert. Lenin ging im
Gegensatz zu Trotzki davon aus, dass sich die
Bauernschaft in Russland selbstständig organisieren
und eine eigene demokratische Partei aufbauen
könne, die auch die Verteilung des Grossgrundbesitzes
in Frage stellen würde. Er sah die Bauern
– die in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts
die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung
ausmachten – als selbstständige Verbündete
des städtischen Proletariats und strebte
eine gemeinsame Herrschaft beider Klassen an.
Demgegenüber gingen Trotzki und auch Luxemburg
davon aus, dass die Bauernschaft nur unter der
Führung des Proletariats eine revolutionäre
Rolle spielen könne. Das Proletariat sei
fähig, sich zu organisieren, weil es in den
Grossbetrieben an die Zusammenarbeit gewöhnt
worden sei und durch Streiks und andere nur kollektiv
erreichbare Aktionen zu politischem Bewusstsein
gelange. Während Lenin in seiner politischen
Tätigkeit wenig Kompromissbereitschaft an
den Tag legte, versuchte Trotzki zuerst als Menschewik,
danach als Mitglied der sogenannten Interrayonisten
jahrelang, die verschiedenen Fraktionen der russischen
Sozialdemokratie zusammenzubringen. Trotz seines
regen Austausches mit den verschiedenen politischen
Strömungen jener Zeit, bewahrte Trotzki seine
politische Unabhängigkeit.
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| Trotzki
als junger Revolutionär. VSA Verlag,
Hamburg 2010. ISBN 978-3-89965-379-3. |
Theorien
ihrer Zeit
Ulrich
weist zu Recht darauf hin, dass viele strategische
und konzeptuelle Vorstellungen, die Trotzki und
„die sozialkritische Intelligenz seiner
Generation“ entwickelt haben, heute veraltet
sind. Zugleich wird deutlich, dass aber ihre Betrachtungsweise
der Gesellschaft, die in den Klassengegensätzen
einen entscheiden Faktor der Menschheitsgeschichte
sieht, weiterhin aktuell bleibt.
Die
Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen
Exponenten und Fraktionen der russischen und deutschen
Sozialdemokratie, etwa über die Frage der
internen Demokratie, die Rolle der Bauernschaft
oder der richtigen revolutionären Strategie
zeigen auf, wie sehr zeitgebunden die Forderungen
Trotzkis, Lenins oder Luxemburgs waren. Beispielhaft
dafür ist das von Teilen der Bolschewiki
vertretene Konzept einer konspirativen und hierarchisch
aufgebauten Kaderpartei. Sie entstand in einer
Zeit, in der ein Grossteil der führenden
russischen Sozialisten aus Angst vor der Verbahnung
oder gar dem Tod ins Exil geflohen waren, einer
Zeit massivster Repression und Sabotage des russischen
Staatsapparates gegenüber sämtlichen
Organisationen der Arbeiterbewegung. Während
bürgerliche Kreise dieses Konzept (teilweise
bis heute) als Beweis für die undemokratische
und volksfeindliche Gesinnung der Bolschewiki
anführ(t)en, wurde eben diese Organisationsform
zum Modell für unzähliger maoistische
und stalinistische Gruppierungen (und Staatensysteme).
Beide Interpretationen werden den damaligen Bemühungen
nicht gerecht. Insofern zeigen Ulrichs Ausführungen
auch, dass revolutionäre Politik (heute)
nicht auf der Übernahme alter Konzepte und
Strategien basiert. Eine revolutionäre Theorie
kann sich nur in Auseinandersetzung mit der jeweiligen
gesellschaftlichen Praxis entwickeln.
Das
Leben, die Erfahrungen und die daraus resultierenden
Ideen Trotzkis und anderer Revolutionäre
können für diese Aufgabe aber eine wichtige
Quelle sein.
*Jürg
Ulrich ist emeritierter Professor für
Neuropathologie am Universitätsspital Basel.
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Denkkollektive und
die interne Demokratie
In
seinem Nachwort verweist Ulrich auf die
Arbeit des polnischen Bakteriologien Ludwik
Fleck. Dieser betonte, dass das Denken,
auch das wissenschaftliche, immer kollektives
Denken ist. Dabei unterschied er zwischen
esoterischen und exoterischen Denkkollektiven.
Zu den ersten zählen diejenigen, die
in eine Disziplin eingeführt sind und
sich direkt damit auseinandersetzen, zu
den zweiten alle übrigen am Fach interessierten.
Auch in der sozialistischen Politik der
damaligen Zeit – so Ulrich –
könne zwischen solchen Klassen von
Denkkollektiven unterschieden werden. Während
Partei-mitglieder eher dem esoterischen
Denkkollektiv zuzuordnen sind, so kann die
Arbeiterschaft und die sozialistisch denkenden
Sympathisanten den exoterischen Denkkollektiven
zugeordnet werden.
Anders
als in den Naturwissenschaften ist das exoterische
Denkkollektiv im Marxismus jedoch schwieriger
zu fassen und einzuschätzen. Viele
Probleme der russischen Sozial-demokratie,
also des damaligen esoterischen Denkkollektivs,
resultierten aus der Tatsache, dass sie
die Veränderungen im Denken und Handeln
der exoterischen Denkkollektive nur ungenügend
zur Kenntnis nahmen. Die Frage, ob das vermeintlich
exoterische Kollektiv in Wirklichkeit eine
viel wichtigere Rolle spielt als das esoterische,
wirft Ulrich nicht auf. Dahingestellt sei
auch, wie produktiv diese Differenzierung
an sich ist. Hingegen sind Ulrichs Ausführungen
bezüglich der internen Demokratie sehr
überzeugend: „Wenn Auseinander-setzungen
und Streitigkeiten Leben, Gedanken und Ideen
des Denkkollektivs bereichern, so wird es
wichtig, dass ihr Gehalt in seinen Nuancen
diskutiert wird. Wenn gewisse Denkströmungen
vom vornherein abgelehnt oder gar verfemt
werden, verarmt das Denkkollektiv. Will
die revolutionäre Partei ein lebendiges
Denkkollektiv bleiben, so muss sie Einwände
und neue Gesichtspunkte zur Kenntnis nehmen
und dazu Stellung beziehen. Es kann dabei
notwendig sein, dass sie ihre Ziele und
Verfahren abändert, einen so genannten
Paradigmenwechsel vornimmt.“
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