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Die Macht der „alten“ Medien (Radio,
Print-Medien, Fernsehen) sollte auf keinen Fall
unterschätzt werden. Sie werden noch lange
Zeit ein Informationsmonopol besitzen. Doch alle
Statistiken zeigen einen immer grösseren
Zugriff auf Informationen aus dem Internet. Über
70% der Bevölkerung nutzen das Internet mehrmals
pro Woche und mehr als die Hälfte liest dort
tagesaktuelle Nachrichten. Aber auch hier sind
die alten Medien präsent.
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Mittels
Anwendungen wie Facebook und YouTube können
geplante Aktionen oder auch Berichte über
solche weltweit verbreitet werden. |
Web
2.0 ist ein Begriff, der in den letzten Jahren
im Internet aufgetaucht ist. Er umschreibt die
grundlegende Veränderung, die das Internet
durchgemacht hat. In der IT-Sprache ist damit
die zweite Version des Internets gemeint. Für
die Proteste waren drei Veränderungen ausschlaggebend:
- Vielfältigere
Arten von Content (Inhalt) wie: Bilder (ständig
neue Impressionen), Livestream, Karten (mit
allen besetzten Unis) usw.
- Die
Partizipation im Internet: Blogs haben über
den Protest berichtet, auf Seiten wie Facebook
konnte man/frau Fan von Unsereuni werden,
Freunden weiter empfehlen und über Forderungen
diskutieren. Es war möglich, auch aus
Entfernung mitzuarbeiten (bspw. bei Übersetzungen)
- Liveberichte
aus den besetzten Unis konnten ohne Zeitverzögerung
gesendet werden. Beispielsweise wurde der
News-Dienst „Twitter“ zur Verbreitung
der neusten Meldungen genutzt (neuste besetzte
Uni, Strategie des Rektors, Entscheidungen
des Plenums, usw.).
Die
Medien unter Druck
Diese
neuen Mittel wurden so rege genutzt, dass eine
Gegenmacht geschaffen werden konnte, die die „alten“
Medien unter Zugzwang setzte. Die Medien- Berichte
der ersten Tage aus Wien waren kläglich.
Reisserische Schlagzeilen von wenigen betrunkenen
Studenten, die angeblich täglich 10‘000
Euro Schaden anrichten. Dieses Bild der Proteste
war nicht lange haltbar. Die Medien konnten nicht
von 200 Aktivistinnen sprechen, wenn jede/r im
Livestream ein völlig überfülltes,
1500 Leuten Platz bietendes Audimax sehen konnte.
Menschen, die sich über das Internet informierten,
bekamen ein abweichendes Bild von der Bewegung.
In manchen Fällen wurden die alten Medien
der plumpen Lüge überführt. Bei
einer so entlarvten Berichterstattung steigt das
Misstrauen gegenüber den alten Medien. Vertrauen
ist nun aber eine Grundvoraussetzung des Journalismus.
Hier gilt auch das alte Sprichwort „Wer
einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn
er die Wahrheit spricht“. Die alten österreichischen
Medien mussten nun - aus rein ökonomischen
Gründen - eine andere Taktik gegenüber
der Bewegung fahren.

Netz
als Massenphänomen
Mit
dem Web 2.0 eröffnete sich einem grösseren
Teil der Gesellschaft die Möglichkeit der
Kommunikation. Erstens ist heute eine Radiosendung
aus Brasilien und die Tageszeitung aus Neuseeland
auf der ganzen Welt erreichbar. Zweitens hat jeder
Mensch mit einem Internet-Zugang theoretisch die
Möglichkeit, die gleichen Dienste anzubieten
wie Medienkonzerne. Musste früher eine Million
investiert werden, um einen lokalen Radio-Sender
zu eröffnen, geht man heute mit drei Klicks
global auf Sendung. Live Berichterstattung in
Bild, Ton und Text ist heute nicht mehr primär
den kapitalträchtigen Eliten vorbehalten.
Natürlich
ist die ökonomische Macht der Medien-Konzerne
im Internet nicht wirkungslos. Sie ermöglicht
es, eine Fulltime- Redaktion anzustellen und sich
durch Werbung den KonsumentInnen aufzudrängen.
Bewegungen können diesen Nachteil nur wettmachen,
wenn AktivistInnen die Redaktion, Werbung und
Technik übernehmen. Bei der Unsereuni- Bewegung
hat dies für einen kurzen Moment funktioniert.
Es zeigte sich dabei die grosse Kreativität
von Basis-Bewegungen. Wenig Erfahrung und mangelndes
technisches Equipment konnte durch die Nähe
zur Bewegung ausgeglichen werden.
Von
Text zu Bild
Mit
Web 2.0 hat sich das Internet von reinem Text
zu Bildern, Musik, Radio bis zu Video gewandelt.
Bilder haben eine andere Wirkung auf die Betrachter
als reiner Text. Nichts hatte die Öffentlichkeit
im Vietnamkrieg so schwer erschüttert wie
das Bild des vietnamesischen Mädchens, welches
vor den Napalmbomben flüchtete. Mit sogenannten
„Embeded Journalists“ wird heute versucht,
entsprechende Bilder zu verhindern. In den Anfangsjahren
des Internets waren Bilder rar und Videos sind
erst seit kurzem für die User in grossem
Massstab zugänglich und publizierbar.
Internationale
Zusammenarbeit
Gleichzeitig
sehen wir eine Entwicklung von gegenseitiger Solidarität
und internationaler Zusammenarbeit. Heute sendet
Basel eine Nachricht ab, Marburg leitet sie weiter,
in Wien wird sie übersetzt und irgendwo in
Zagreb entsteht daraus ein Artikel in einem Blog.
Während der Besetzungen konnte man mit anderen
Universitäten direkt chaten. Oft wurden Video-Konferenzen
organisiert und alle Universitäten waren
auf dem Laufenden was an anderen Orten geschieht.
So konnte vermittelt werden, dass die lokalen
Gruppen an den Universitäten nicht isoliert
sind, sondern dass dass man gemeinsam für
eine Sache kämpft. Dies ist umso erstaunlicher,
da doch die Gegenseite immer versucht hat, die
Probleme auf kleine lokale Unstimmigkeiten zu
reduzieren.
Online
Partizipation
Bisher
hatten es alle Medien mit passiven KonsumentInnen
zu tun. Das Internet verändert auch dieses
Verhältnis. UserInnen können aktiv am
Geschehen teilnehmen. Blogs, Videos und Bilder
lassen sich kommentieren und diskutieren. Auf
Twitter wird die Meinung kundgetan. Auf Wiki können
Anmerkungen gemacht werden und Medienberichte
zusammengetragen werden. Auf Facebook kann man
seine Freunde zum Beitritt zu einer politischen
Gruppe einladen. Durch Antworten und Gegendarstellungen
entsteht eine rege Diskussion. Hier kann die Bewegung
mit der Gesellschaft in Kontakt treten. Bewegungen
brauchen die massive Partizipation von unten,
um eine Medien- Gegenmacht am Laufen zu halten.
Web 2.0 ist kein Selbstläufer, welcher automatisch
zu einer demokratischen Informationsverteilung
und zu einer demokratischeren Gesellschaft führt.
Insbesondere da auch rechte Gruppen mit Erfolg
auf diese Techniken zurückgreifen. Aber Web
2.0 gibt Bewegungen gewisse Instrumente in die
Hand, um Medienkonzerne herauszufordern und eine
andere Öffentlichkeit zu schaffen. Daher
werden zukünftige Bewegungen gut daran tun,
ihren Kampf auch im Internet zu führen.
1
www.zeit.de/2009/47/CH-Uni-Zuerich
2 www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/ themen/16/03/key/ind16.set.160105.html
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