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Der Telegraph ist eine besondere Zeitschrift.
Gegründet wurde sie 1987 als Oppositionsblatt
in der DDR unter der Bezeichnung Umweltblätter.
Im Zuge der Wende von 1989 umbenannt, kommt sie
weiterhin als Ostdeutsche Zeitschrift daher (so
lautet der Untertitel). Sie ist Oppositionsblatt
geblieben, auch wenn es nun ein anderes gesellschaftlichpolitisches
System zu kritisieren gilt. Geblieben ist auch
der Blick aus dem Osten, d.h. aus dem anderen,
meist als minderwertig betrachteten Deutschland.
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| Der
mittlerweile abgerissene «Palast der
Republik», als er noch der DDR-Elite
vorbehalten war. |
20
Jahre nach der Wende ist nun eine Doppelnummer
des Telegraph erschienen (120/121), die sich mit
verschiedenen Facetten der Frage beschäftigt,
was sich seither grundlegend verändert hat.
Die Beiträge zeugen von einer kritischen
Reflexion und Verarbeitung des Schocks von 1989/90,
als die sich plötzlich eröffnenden Perspektiven
der Freiheit so rasch in der brutalen Realität
des real existierenden Kapitalismus aufgingen.
Wie konnte das «freieste Land der Erde»,
die DDR unmittelbar vor ihrer Auflösung,
dem «Anschluss an die BRD» geopfert
werden (Editorial)? Wie konnte die Macht, die
«nach den utopisch-anarchis-tischen Herbsttagen»
von 1989 «auf der Strasse lag», von
«konservativen Spiessbürgern aufgelesen»
werden (Jenz Steiner)? Was folgte auf den Siegeszug
der «sozialen Marktwirtschaft » bis
zum heutigen Tag?
Wie
Sebastian Gerhardt treffend festhält, beruht
das Selbstbewusstsein der Regierungsclique um
Kanzlerin Merkel (die selbst zur Wendezeit einer
Oppositions-gruppierung angehört hatte) darauf,
dass sie (die Herrschenden) «die Klassenkämpfe
der letzten Jahre regelmässig gewonnen »
haben. Der wichtigste Akt in diesem Prozess waren
die so genannten Arbeitsmarkt-reformen (die Hartz-Gesetze),
die insofern als die «Vollendung der deutschen
Einheit » betrachtet werden können,
als sie es dem Kapital ermöglichten, die
Löhne in West und Ost gleichzeitig zu senken.
Andrej Holm beschreibt am Beispiel des Berliner
Stadtteils Prenzlauer Berg, wie die Stadterneuerung
im Osten zur Vertreibung der Bevölkerung
und zur Verbürgerlichung der neuen Trendquartiere
führte, so dass sich verbleibende Ostdeutsche
bisweilen wie Indianer in Reservaten fühlen.
Urmila Goel stellt heraus, wie sehr das Bild des
«Ossis» als dem anderen Deutschen,
das sich so oft in Einkommensunterschieden und
benachteiligten Lebens-chancen niederschlägt,
in hartnäckigen kulturellen Mustern verankert
ist. Thomas Klein präsentiert eine kritische
Analyse der Entwicklung der Deutschen Linken seit
der Wende, wobei sich die aus ostdeutscher Sicht
damals formulierten Erwartungen - «Die West-Linke
war am Ende und die Ost- Linke stand erst am Anfang.»
- auf traurige Weise nur zur Hälfte erfüllten:
Denn auch im Osten erwiesen sich die linken Organisationen
weitgehend als unfähig, auf die neue Konstellation
des unter kapitalistischen Vorzeichen vereinigten
Deutsch-lands zu reagieren. Dass aber dennoch
wichtige Kämpfe stattfinden und neue Aktionsformen
entwickelt werden, zeigt Willi Hajek mit seinem
Beitrag zum Verbot der Basisgewerkschaft FAU in
Berlin.

Das
Heft enthält weitere anregende Beiträge,
die sich nicht alle nur auf Deutschland beziehen
- so etwa ein eindrückliches Interview mit
dem polnischen Soziologen Zygmunt Bauman über
sein Leben im «real existierenden Sozialismus»
(bis er 1968 des Landes verwiesen wurde). Wir
möchten die LeserInnen der Debatte ermuntern,
den Telegraph zu lesen und diskutieren!
Internetseite
der Zeitschrift:
www.telegraph.ostbuero.de |