|
Sandra* (23) lebt in Zürich und arbeitet
in einer von rund 300 Filialen einer namhaften
Detailhandelskette. Um ihr Psychologie-studium
zu finanzieren suchte sie sich vor gut einem Jahr
einen Nebenerwerb und fand eine Stelle als Schuhverkäuferin.
Mit
welchen Aufgaben bist du von deinen Vorgesetzen
betraut worden?
Offiziell
arbeite ich als Aushilfsverkäuferin, in erster
Linie muss ich also dort einspringen, wo zuwenig
Personal vorhanden ist. Zu meinen Tätigkeiten
gehören das Auspacken, Sichern, Ein -und
Aufräumen der Schuhe sowie natürlich
die Beratung und der Verkauf an unsere Kunden.
In der Praxis leiste ich die gleiche Arbeit wie
das regulär angestellte Personal.
|
| Rund
60 Prozent der überwiegend weiblichen
Angestellten im Detailhandel arbeiten ohne
Gesamtarbeitsvertrag. Mindestlöhne sind
somit keine vorhanden. |
Wie
sehen deine Arbeitsbedingungen aus?
Als
Aushilfsangestellte werden mir keine regulären
Arbeitszeiten zugesichert. Auch ein Mindesteinkommen
existiert nicht. Ich erhalte jeweils wöchentlich
meinen Arbeitsplan, die Arbeitszeiten variieren,
je nach Nachfrage und Verfügbarkeit der anderen
Mitarbeiterinnen, zwischen 10 und 100 Prozent.
Mein Stundenlohn beträgt Fr. 21.80 (inkl.
Fr. 2.10 Ferienzuschlag).
Was
sind die grössten Probleme, die du bei der
Arbeit hast?
Die
Arbeit ist recht monoton. Oft muss ich bis zu
9 Stunden am Tag (rum)stehen, hinsetzen darf ich
mich nicht. Sind viele Leute da, werde ich oft
„gebeten“, meine einstündige
Mittagspause zu halbieren. Nein sagen ist dann
schwierig. Ein weiteres Problem ist der Umgang
einiger Kunden mit uns. Oft werde ich sehr unhöflich
behandelt, manchmal angeschrien, herumkommandiert
oder auch beleidigt.
Kannst
du einige Beispiele nennen?
Zum
Beispiel hat mich eine Kundin einmal dazu angehalten,
auf die Knie zu gehen. Sie meinte, dafür
sei ich ja schliesslich da.
Wie
reagierst du in diesen Situationen?
Von
Seiten der Filialleitung wurde mir dann aber eingebläut,
in jedem Fall höflich zu bleiben und aufgebrachte
Kunden zu beruhigen. Der Kunde ist König,
sich in einer Auseinandersetzung zu wehren ist
– ausser bei sexueller Belästigung
– verboten.
Also
ein Gebot zur Unterwürfigkeit?
Gewissermassen.
Im Aufenthaltsraum sind auch Schilder angebracht,
auf denen Sätze wie „Der erste Eindruck
währt länger als die Freude über
die tiefen Preise“ oder „Verwöhnt
die Kinder, sie sind unsere zukünftigen Käufer“
stehen.
Wie
erlebst du das Arbeitsklima und den Umgang mit
den Vorgesetzten?
Eigentlich
nicht schlecht. Natürlich stehen die Filialleiterin
und ihre Stellvertretung unter dem Zwang, möglichst
viel Gewinn zu erzielen. Trotzdem ist der Umgangston
meistens freundlich, auch unter den Verkäuferinnen
ist das Klima recht gut.
Ist
es nie vorgekommen, dass ihr gegeneinander ausgespielt
wurdet, etwa um euch unter Druck zu setzen?
Doch
schon. Einmal habe ich meine Chefin darüber
informiert, dass ich zu einer bestimmten Zeit
nicht arbeiten könne. Sie wollte dies zuerst
nicht akzeptieren und hat gemeint, dass meine
Arbeitskollegin in diesem Falle halt nicht in
die Ferien gehen könne – ich hätte
die Wahl… Soweit ich das aber beurteilen
kann, hat meine Chefin selbst relativ wenig Handlungsspielraum.
Die meisten Vorgaben kommen von weiter oben.
|
|
Kein
Unternehmen der Welt hat
so viele Angestellte wie Wal-Mart |
Wie
kommst du darauf? Viele Filialen von Grosshandelsketten
geniessen relativ viel Autonomie (Franchise-Modell).
Ich
glaube, bei uns ist das anders. Das merkt man
auch daran, dass immer wieder Vorgesetzte vorbei
kommen und diverse Dinge beanstanden. Die Atmosphäre
ist dann immer sehr nervös, alles muss aufgeräumt
sein und reibungslos funktionieren.
Einem
Dokument deines Arbeitgebers ist zu entnehmen,
dass die Rendite letztes Jahr auf 0.1 Prozent
eingebrochen ist. Habt ihr davon etwas mitgekriegt?
Allerdings.
Die Filialleitung hat mehrere Stellenprozente
gestrichen, so dass wir jetzt ständig unterbelegt
sind. Zudem wurden uns Feiertage gestrichen und
vermehrt Überstunden abverlangt. Insgesamt
ist die Arbeit stressiger geworden.
Warum
baut die Geschäftsleitung Stellen ab, wenn
sie doch nachher auf Überstunden angewiesen
ist?
Dadurch
wird sie flexibler. Sind keine Kunden da, so muss
sie niemanden bezahlen, ist der Laden voll, machen
alle Überstunden.
Anders
als etwa im Baugewerbe oder in der Industrie finden
in der Schweiz im Detailhandel trotz schlechter
Arbeits-bedingungen fast nie Arbeitskämpfe
statt. Hast du eine Erklärung dafür?
Ich
denke, dass hat vor allem mit dem Hintergrund
der Leute, die dort arbeiten, zu tun. In unserer
Filiale sind alle Angestellten Frauen und zudem
meist noch recht jung. Die meisten Verkäuferinnen
beginnen ihre Ausbildung im Alter von 16 oder
17. Hinzu kommt, dass das Bildungsniveau der Angestellten
recht tief ist. Viele meiner Mitarbeiterinnen
sind Secondas, die aus weniger gebildeten und
sozial schwächeren Familien stammen. Sie
scheinen an Politik nicht allzu sehr interessiert
zu sein bzw. haben oft andere Probleme in ihrem
Alltag. Bessere Bildung können sie sich auch
deswegen nicht leisten, weil sie nach der obligatorischen
Schulzeit schnellstmöglich einen Job finden
müssen, um ihre Eltern zu unterstützen.
Die
Frage der Mobilisierung für Arbeitskämpfe
hängt also mit dem Geschlecht, dem Alter,
der Bildung und dem sozialen Hintergrund zusammen?
Ich
denke, diese Faktoren spielen schon eine wichtige
Rolle. Aber auch die Lebensweise der Angestellten
hat einen Einfluss. Die meisten meiner Arbeitskolleginnen
finden (zumindest teilweise) auch Gefallen an
ihrer Arbeit und ihrem Metier, sie beschäftigen
sich gerne mit Schuhen oder Mode im Allgemeinen
und haben kein grosses Interesse an den Gewerkschaften.
Die Arbeit beeinflusst ihre Lebensweise. Die Filialleitung
kommt diesem Verhalten auch entgegen, indem sie
uns zum Beispiel Einkaufsgutscheine schenkt usw.
Haben
die Gewerkschaften nie versucht, euch auf eure
Rechte und Möglichkeiten aufmerksam zu machen?
Sind sie nie bei euch vorbeigekommen?
Doch.
Ab und zu kommen ein paar Männer (manchmal
auch Frauen) von der Gewerkschaft vorbei. Sie
verteilen Süssigkeiten, kleine Geschenke
und auch Flugblätter. Wirkliche Gespräche
finden aber keine statt.
Von
welcher Gewerkschaft sind den diese Leute? Wie
habt ihr auf sie reagiert?
Von
der Unia. Ich persönlich habe bisher noch
keine Gewerkschaftler getroffen, aber meine Arbeitskolleginnen
haben mir davon erzählt. Sie haben zwar kurz
von ihnen Notiz genommen, wirklich interessiert
waren sie aber nicht, weil die Gewerkschaftler
sich auch nicht die Mühe gemacht haben, ihre
Ziele und Absichten vorzustellen. Als ich meine
Arbeitskolleginnen gefragt habe, ob sie denn wüssten,
was die Unia überhaupt ist, konnten sie mir
keine wirkliche Antwort geben. Sie meinten nur,
dass die immer so nett seien. Die meisten freuten
sich über die Süssigkeiten und waren
auch immer wieder erstaunt, dass da jemand vorbeikommt
und ihnen „einfach so“ etwas schenkt.
Meiner Meinung müssten die Gewerkschaften
die Verkäuferinnen mehr in ein Gespräch
verwickeln und ihnen erklären, worum es geht
usw. Aufklärungsarbeit, anstatt nur Süssigkeiten
verteilen.
|
Miese
Löhne im Detailhandel
Im direkten Vergleich der Mindestlöhne
des ungelernten Verkaufspersonals mit anderen
Branchen schneidet der Detailhandel schlecht
ab. Einzig die Löhne der GAVs im Gastgewerbe
sind noch tiefer. Folgende Angaben gelten
nur für die Minderheit des Verkaufspersonals,
die einem GAV unterstehen!
|
|
Gesamtarbeitsverträge
Detailhandel*
Für den Detailhandel existieren keine
gesamtschweizerischen Arbeitsverträge.
Während einige Unternehemen (Coop,
Denner, Tankstellenstellenshops Luzern und
St. Gallen) über eigene GAVs verfügen,
sind ein Grossteil der Firmen lediglich
an die völlig unzureichenden Bestimmungen
des Obligationenrechts gebunden. 1999 waren
nur knapp 40 Prozent aller Angestellten
im Detailhandel einem GAV unterstellt.
* Vgl. „Analyse der Mindestlohn- und
Arbeitszeitregelungen
in den Gesamtarbeitsverträgen von 1999
–2001, Bundesamt für Statistik.
www.bfs.admin.ch/
bfs/portal/it/index/themen/03/22/publ.Document.26227.pdf. |
|