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Soziale Ungleichheiten betreffend Gesundheit und
Alter sind nichts Neues. Bereits Karl Marx hatte
im Kapital festgehalten, die durchschnittliche
Lebenserwartung in Manchester liege bei 38 Jahren
für die vermögenden Klassen und bei
17 Jahren für die Arbeiterklasse. Natürlich
ist die durchschnittliche Lebenserwartung seither
stark gestiegen – zumindest in führenden
Industrieländern. Aber trotz moderner Medizin,
gestiegenem Lebensstandard und öffentlicher
Gesundheitsversorgung nehmen die sozialen Ungleichheiten
in dieser Hinsicht sogar wieder zu. Dies wurde
durch eine Studie der Weltgesundheitsorganisation
2008 auf internationaler Ebene festgehalten.
Ungleichheiten
früher und heute
Jean-François
Marquis vergleicht die von Marx zitierten Zahlen
mit Daten von heute. So ist die durchschnittliche
Lebenserwartung einer Frau in Botswana bei 43
Jahren – genau halb so hoch wie in Japan
(86 Jahre). Doch zweifellos überrascht uns
folgendes Zahlenpaar viel mehr: Im ärmsten
Quartier von Glasgow wird ein Mann durchschnittlich
54 Jahre alt, im reichsten 82 Jahre. In Genf hat
eine Studie gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit,
das Rentenalter ohne gravierende gesundheitliche
Beeinträchtigungen (Invalidität) zu
erreichen, für die Männer in liberalen
und wissenschaftlichen Berufen bei 86 Prozent
liegt, für Arbeiter aber bei bloss 66 Prozent.
Unter
internationalen ExpertInnen ist unbestritten,
dass die Erwerbsarbeit ein wichtiger Faktor ist,
um solche sozialen Ungleichheiten zu erklären.
Die Studie von Jean-François Marquis erforscht
die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen,
Erwerbslosigkeit und Gesundheits-zustand erstmals
systematisch für die Schweiz. Zu dem Zweck
hat der Autor die Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung
von 2007 ausgewertet. Diese Befragung liefert
wertvolle Daten, deren Aussagekraft aber auch
relativiert werden muss. Zu nennen sind vor allem
folgende Einschränkungen: (1) Es handelt
sich um eine Momentaufnahme, d.h. die befragten
Personen werden nicht über einen längeren
Zeitraum hinweg mehrmals befragt (Panelforschung),
um zu beobachten, wie sich ihr Gesundheitszustand
verändert. (2) Wichtige Risikofaktoren für
die Gesundheit (vor allem psycho-sozialer Art)
werden nicht erhoben. (3) Wie jeder grosse Datensatz
bietet auch dieser nur eine allgemeine Sicht auf
statistische Zusammenhänge, eine Art Vogelperspektive,
aus der keineswegs abgleitet werden kann, wie
in einzelnen oder typischen Fällen Arbeitsbedingungen
konkret auf den Gesundheitszustand einwirken.

Stark
verbreitete Risiken
Trotz
der genannten Einschränkungen kann Jean-
François Marquis eindrückliche Ergebnisse
präsentieren. Er zeigt, dass Gesundheitsrisiken
in der Arbeitswelt weitaus stärker verbreitet
sind als meistens angenommen wird. Dies gilt nicht
nur für psycho-soziale, sondern auch für
körperliche Risiken. So sind über 40
Prozent der Männer sowie über 35 Prozent
der Frauen mindestens drei körperlichen Gesundheitsrisiken
im Arbeitsalltag ausgesetzt - dazu gehören
die ergonomischen Risiken (repetitive Bewegungen,
schwere Lasten tragen, schmerzhafte Körperstellungen
usw.) ebenso wie der Kontakt mit gefährlichen
Stoffen oder die Auswirkungen von starkem Lärm
oder aussergewöhnlichen Temperaturen. Bei
den psycho-sozialen Risiken geht es vor allem
um das (un) ausgewogene Verhältnis zwischen
den Anforderungen an einen Arbeitsplatz (wie etwa
hohe Konzentration, zu knappe Zeit, etc.), der
Kontrolle über die eigenen Arbeitsbedingungen
(langweilige Arbeit, keine Möglichkeit Ideen
umzusetzen usw.) und der (fehlenden) Unterstützung
durch die KollegInnen und Vorgesetzten. Laut Marquis
sind 35 Prozent aller Erwerbstätigen in der
Schweiz mindestens drei psycho- sozialen Risiken
ausgesetzt. Je höher man in der sozialen
Rangordnung der Bildungstitel und Berufe steigt,
desto kleiner wird aber die Wahrscheinlichkeit,
mehreren Gesundheitsrisiken ausgesetzt zu sein.
Das gilt vor allem für körperliche Risiken.
Nur ein Gesundheitsrisiko – hohe psychologische
Anforderungen an den Arbeitsplatz – ist
in höheren Positionen am stärksten verbreitet.
Ein
Hauptproblem liegt in der Häufung von körperlichen
und psycho-sozialen Risiken, die bei vielen Berufen
Hand in Hand gehen. Auf dem Bau sind zum Beispiel
die körperlichen Risiken stark, aber die
Arbeiter können diese mehr oder weniger auffangen
oder kontrollieren, sofern sie sich gegenseitig
unterstützen und ihre Arbeitszeit entsprechen
organisieren können. Je mehr die Arbeit aber
individualisiert und die Arbeitszeit flexibilisiert
und intensiviert werden, desto gravierender wirken
sich die körperlichen Risiken aus, die nun
verstärkt werden durch Zeitdruck, mangelnde
Kontrolle über die Arbeit, fehlende Unterstützung
durch Kollegen usw.
Angst
und Erwerbslosigkeit
Jean-François
Marquis zeigt, dass sich die Gesundheitsrisiken
auf den Gesundheitszustand der Lohnabhängigen
auswirken. Am stärksten wirkt Angst am Arbeitsplatz:
Betroffene weisen eine 2.3 (Frauen) bis 2.5 Mal
höhere Wahrscheinlichkeit auf, bei schlechter
Gesundheit zu sein. Aufhorchen lassen auch die
Daten zu den Auswirkungen von Erwerbslosigkeit
(siehe Tabelle): 37 Prozent der erwerbslosen Männer
sagen, ihr Gesundheitszustand sei nicht gut; 48
Prozent der Frauen ohne Erwerbsarbeit geben an,
in psychischer Not zu sein; über 20 Prozent
der Erwerbslosen (Männer und Frauen) konsumieren
Psychopharmaka. Bereits die Angst vor dem Jobverlust
ist ein Gesundheitsrisiko – für Frauen
scheinbar mehr als für die Männer. Der
tatsächliche Verlust der Erwerbsarbeit wirkt
sich vor allem auf die Männer sehr negativ
aus.
Für
eine andere Gesundheitspolitik
Während
die vorherrschende Gesundheitspolitik vor allem
die so genannte Kostenexplosion zum Thema macht
und die individuelle Verantwortung von PatientInnen
(für ihren Lebensstil und ihr Gesundheitskapital)
und ÄrztInnen (als Kostentreiber mit Partikularinteressen)
ins Visier nimmt, gibt die Studie von Jean-François
Marquis sehr gute Argumente, um sich für
einen politischen Kurswechsel einzusetzen. Die
zwei wichtigsten Schlussfolgerungen können
so zusammengefasst werden: Erstens sind die Ursachen
von Krankheit und Gesundheit primär gesellschaftlicher
Art (nicht nur die Arbeitsbedingungen, auch Konsumgewohnheiten
oder Lebensstile sind ja gesellschaftliche Phänomene).
Das spricht zweitens nicht nur dafür, die
öffentliche Gesundheitsversorgung solidarischer
zu gestalten (insbesondere in der Schweiz, wo
es sich heute um ein lukratives Geschäftsfeld
für private Krankenkassen, Kliniken oder
Pharmaunternehmen handelt), sondern eben auch
die Arbeitsmarktund Sozialpolitik als Instrumente
des Gesundheitsschutzes neu zu definieren. Denn
eines ist klar: So lange der Arbeitsmarkt weiter
flexibilisiert und die Beschäftigungsverhältnisse
prekarisiert werden und die Erwerbslosen und BezügerInnen
von Sozialleistungen als SchmarotzerInnen stigmatisiert
werden, werden die sozialen Ungleichheiten bei
Gesundheit und Lebenserwartung auch in der Schweiz
(wieder) zunehmen.
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