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Die
Finanzkrise mag wegen ihrer Komplexität auf
Anhieb verwirren, aber trotzdem lassen sich die
grundlegenden Mechanismen herausarbeiten. Ausgangspunkt
ist das Vorhandensein riesiger Mengen „überschüssigen”
Kapitals auf der Suche nach maximaler Rendite.
In regelmäßigen Abständen erschließt
sich dieses Kapital neue lukrative Märkte
und löst eine Anlageeuphorie aus, die nach
dem Prinzip der Self-Fulfilling Prophecy funktioniert:
Indem es sich auf den vermeintlich profitabelsten
Sektor stürzt, treibt es dort den Preis nach
oben und rechtfertigt somit die Anfangseuphorie.
Die Warnungen derer, die darauf verweisen, dass
die Finanzmärkte nicht in den Himmel wachsen
können, werden abgetan, da ja alles reibungslos
verläuft.
Graphik 1 gibt eine
Übersicht über die zeitlichen Eckdaten:
Die Börsencrashs 1987 und 1990 am Vorabend
des Ersten Golfkriegs; der Boom der New Economy
ab Mitte der 90er Jahre, der zu einem wahren Börsenrausch
führt; die Krise in Südostasien und
Russland sowie die Pleite des US-Hedgefonds LTCM
bringen 1998 die Blase nur vorübergehend
zum Abschwellen und erst 2000 kommt es zum richtigen
Börsenbeben; zwei Jahre später dann
die erneute Flucht nach vorn und schließlich
die Subprime-Krise im Juli 2007.
Damit
eine Spekulationsblase entstehen kann, reicht
es nicht aus, dass bloß die Geldmengen verfügbar
sind, sondern es dürfen auch keine Regulationsmechanismen
im Wege stehen. Diese Reglementierung wurde durch
politische Maßnahmen und durch immer ausgefeiltere
Finanzinstrumente und undurchsichtige Transaktionen
ausgehebelt. Beispiel hierfür ist die Hebelwirkung
der Derivate, mit deren Hilfe die Finanzinstitute
über ein Vielfaches ihres eigenen Kapitals
verfügen. Über Derivate können
beispielsweise zukünftige Kaufs- und Verkaufsrechte
erworben werden. Und ihrer faulen Kredite können
sich die Banken entledigen, indem sie sie zu einer
Art Überraschungspaket bündeln und als
handelbare Wertpapiere verbriefen. Diese geraten
dadurch in Umlauf, werden außerbilanziell
und unterliegen somit nicht mehr der Bankenaufsicht
zur Risikobegrenzung.
Die
Subprime-Krise hat ein relativ überschaubares
Marktsegment betroffen, nämlich die Hypothekendarlehen
an einkommensschwache Haushalte. In Wirklichkeit
waren diese Verträge Schwindel, weil die
Banken davon ausgehen konnten, dass die Darlehen
nicht zurückgezahlt würden. Aber durch
die Verbriefung und den Verkauf der Ansprüche
konnten sie sich ihrer entledigen. Mit dem Umschwung
auf dem Immobiliensektor kamen die ersten Privatkonkurse:
Ein Verkauf der Häuser, auf denen die faulen
Hypothekendarlehen lasteten, war nicht mehr möglich
oder nur zu einem Preis, der noch unter dem Anfangskredit
lag. Die Immobilienkrise löste eine Kettenreaktion
aus: Eine Bank nach der anderen bemerkte ihre
Verluste und bekam zunehmende Probleme, neue Finanzquellen
zu erschließen, um diese Verluste zu decken.
Um zu verhindern, dass sich die Banken gegenseitig
mit in den Abgrund reißen, pumpten die Regierungen
und Zentralbanken Geld in das System oder „verstaatlichten”
sie zum Teil.
Von
der Finanzsphäre zur Realwirtschaft
Aus
dem obigen Szenario ergeben sich mehrere Fragen,
besonders nach den Auswirkungen auf die Realwirtschaft.
Wie jede Finanzkrise muss auch die aktuelle Krise
als ein „Ordnungsruf” des Wertgesetzes
verstanden werden.
Jedes
Geldvermögen hat einen bestimmten Wert. Wenn
ich eine Million Aktien besitze, deren Kurs bei
100 € liegt, beträgt mein Reichtum 100
Millionen Euro. Wenn sich der Kurs meiner Aktien
verdoppelt, verdoppelt sich auch mein Reichtum;
wenn er um die Hälfte sinkt, verliere ich
50 Millionen Euro. Diese Zahlen spiegeln jedoch
nur den fiktiven Wert meines Geldvermögens
wider. Die Gewinne oder Verluste werden erst dann
real, wenn ich versuche meine Aktien zu veräußern,
um mir etwas Konkretes zu leisten, etwa ein Haus.
Die Börsenkapitalisierung, also der Gesamtwert
der Aktien an sich ist fiktiv. Die Finanzmärkte
sind vorwiegend Nebenmärkte, auf denen man
bspw. Vivendi-Aktien verkauft, um France Télécom-Aktien
zu kaufen. Der Kurs dieser Aktien kann entlang
von Angebot und Nachfrage schwanken, aber diese
Transaktionen sind selbst genau so fiktiv wie
der Kurs, zu dem sie sich vollziehen. Man könnte
den Preis dafür auch vertausendfachen, als
wäre es eine besondere Art von Geld, die
mit dem richtigen nichts zu tun hat. Genau so
könnte man sich ein Wirtschaftssystem vorstellen,
in dem jeder Mensch Aktienmilliardär wäre,
vorausgesetzt natürlich, er würde sie
nicht verkaufen. Wir hätten es also mit einer
Realwirtschaft zu tun, die ihren üblichen
ruhigen Gang geht, und mit einer Finanzsphäre,
die sich exponentiell aufbläht.
Aber
auf Dauer ist eine solche Divergenz nicht vorstellbar,
weil zwischen der Finanzsphäre und der Realwirtschaft
Umtauschbeziehungen bestehen. Ein Wirtschaftswachstum
von 2-3 % kann keine durchgängige Rendite
von 15 % abwerfen, wie die Fondsgesellschaften
behaupten. Solange die Einkünfte aus Geldvermögen
wieder neu angelegt werden, wachsen die Vermögen,
ohne dass eine materielle Bindung an die Realwirtschaft
besteht, und die Diskrepanz kann theoretisch bis
ins Unendliche wachsen. Aber wenn ein Teil der
Ziehungsrechte aus diesen Vermögenstiteln
in der Realwirtschaft kapitalisiert – mit
anderen Worten: in Waren umgetauscht – werden
soll, gilt zwangsläufig das Wertgesetz mit
den Regeln von Angebot und Nachfrage. Angenommen,
dass diese neu erworbene Kaufkraft auf keine Entsprechung
auf Seiten der Produktionssphäre trifft und
auch die Lohnforderungen nicht aus der Welt schaffen
kann, dann erfolgt die Regulation über die
Preise, was dazu führt, dass die Einkommen,
einschließlich der Kapitaleinkünfte,
entwertet werden. Dies erklärt übrigens
die starke Anfälligkeit der Rentiers für
eine Inflation, da dadurch die tatsächlichen
Gewinne aus ihren Vermögen beeinflusst werden.
Wenn es zu einer solchen Entwertung kommt, schlägt
sich dies auf die Vermögenswerte durch und
die Kurse der Wertpapiere müssen fallen,
um sich den realen Gewinnen, die sie erwirtschaften,
wieder anzugleichen.
Die
Wertpapiere stellen einen Rechtsanspruch auf den
produzierten Mehrwert dar. Solange dieses Recht
nicht ausgeübt wird, bleibt alles fiktiv.
Sobald man es aber realisieren will, stellt man
fest, dass es dem Wertgesetz unterworfen ist,
das schlicht und einfach bedeutet, dass nicht
mehr verteilt werden kann, als erwirtschaftet
worden ist. Aus objektiver Sicht müssten
die Börsenkurse die vorweggenommenen Gewinne
der Unternehmen darstellen, von denen aus Kapitaleinkünfte
ausgeschüttet werden können. Inzwischen
haben sie aber völlig abgehoben und stehen
nur noch in marginaler Beziehung zu den Kapitalrenditen,
die auf der Ausbeutung der menschlichen Arbeit
gründen. Nie zuvor in der Geschichte des
Kapitalismus hatte dieses Phänomen solche
Ausmaße erreicht, und nie war es möglich,
dass dies ewig andauert.
Die
ökonomische Basis der Finanzmärkte
Die
Finanzblasen beruhen nicht nur auf den Illusionen
raffgieriger Spekulanten sondern werden durch
die permanente Erzeugung überschüssigen
Kapitals genährt. Hauptquelle ist das tendenzielle
Wachstum nicht akkumulierter (reinvestierter)
Gewinne, das auf zwei Entwicklungen basiert: einerseits
dem generellen Absinken der Löhne und andererseits
der stagnierenden oder gar rückläufigen
Akkumulationsrate trotz Wiederherstellung der
Profitrate. Graphik 2 zeigt, dass Profitrate und
Akkumulationsrate (Nettoinvestition) bis Anfang
der 80er Jahre parallel und anschließend
erheblich auseinander liefen. Das grau schraffierte
Feld weist die Zunahme des nicht akkumulierten
Anteils am Mehrwert aus.

Diese
nie da gewesene Konstellation wirft a priori die
Frage auf, wer die Produkte kaufen wird, wenn
der Anteil der Löhne sinkt und die Investitionen
stagnieren. Mit anderen Worten: Welches Reproduktionsschema
wäre vereinbar mit diesem neuen Modell? Darauf
gibt es nur eine Antwort: Der Konsum aus nicht
Lohn-bezogenen Einkünften muss den stagnierenden
Konsum der Lohnempfänger kompensieren. Und
genau dies passiert, wie Graphik 3 zeigt.

Hierauf
werden die Entwicklungen veranschaulicht: In den
USA bleibt der Anteil der Löhne am BIP relativ
konstant, aber der Konsum der Haushalte nimmt
viel schneller zu als das BIP; in Europa bleibt
das Verhältnis von Konsum zum BIP ungefähr
gleich, obwohl der Anteil der Löhne zurückgeht.
In beiden Fällen nimmt die Schere zwischen
dem Anteil der Löhne und dem des Konsums
zu (graues Feld) und kompensiert das Auseinanderklaffen
von Profit und Akkumulation. Diese Kompensation
wird durch die Geldwirtschaft auf dreierlei Wegen
ermöglicht. Der erste ist der Konsum der
Rentiers: Ein Teil des nicht akkumulierten Mehrwerts
wird an die Bezieher von Kapitaleinkünften
verteilt, die ihn dann ausgeben. Dies ist ein
wichtiger Punkt, denn die Reproduktion ist nur
möglich, wenn der Konsum der Rentiers den
der Lohnabhängigen auffängt, um den
Absatz zu gewährleisten. Daraus ergibt sich
zwangsläufig ein Anwachsen der Ungleichheit.
Der
zweite von der Finanzsphäre ausgehende Effekt
besteht in einer Verwischung der Grenzen zwischen
Löhnen und Kapitalrenditen: Ein wachsender
Einkommensbestandteil der Lohnabhängigen
erfolgt in Form von Entgelten, die sich eher als
Verteilung von Mehrwert denn als tatsächlicher
Lohn darstellen. Als letztes – und dies
trifft vorwiegend auf die USA zu – ermöglicht
die Geldwirtschaft eine galoppierende Verschuldung
der Haushalte, deren Konsum wächst, ohne
dass die Löhne steigen, aber die Sparquote
sinkt.
Der
Finanzsektor ist also kein Parasit an einem gesunden
Körper. Er lebt vom nicht reinvestierten
Profit, erlangt aber mit der Zeit ein Maß
an Unabhängigkeit, das den Mechanismus weiter
anheizt. Das überschüssige Kapital zirkuliert
auf der Suche nach höchstmöglicher Rendite
(die berühmten 15 %) und erzielt sie auch
– wenigstens vorübergehend –
in bestimmten Sektoren. Die Banken streichen einen
wachsenden Anteil der Gewinne ein. Diese Konkurrenz
um die Höchstrendite hebt die Rentabilitätsnorm
weiter an und schmälert dadurch die als rentabel
erachteten Investitionsmöglichkeiten, wodurch
wiederum neues Kapital freigesetzt wird, das sich
seinerseits auf die Suche nach Höchstrenditen
in der Finanzsphäre begibt. Dieser Teufelskreis
beruht letztlich auf einer Verschlechterung der
Einkommensverteilung der ArbeiterInnen und ihrer
sozialen Absicherung.
Das
Überspringen auf die Realwirtschaft
1987
hatte der Börsencrash die meisten Wirtschaftswissenschaftler
zu der Prognose einer drastischen Weltwirtschaftskrise
verleitet. Das Gegenteil ist eingetroffen: Ab
1988 erlebten die Metropolen einen dynamischen
Aufschwung. Die Börsenkrise hatte somit die
Realwirtschaft nicht erreicht, sondern im Gegenteil
für eine Bereinigung und Anpassung gesorgt.
Normalerweise besteht die klassische Funktion
einer Krise darin, die Geschäftsfelder zu
prüfen und die lahmen Enten auszusortieren.
Einige Jahre später erlitt Japan, das damals
als Anwärter auf die Beherrschung der Weltmärkte
gehandelt wurde, eine Krise auf dem Immobilien-
und Hypothekensektor. Die Folge war eine zehn
Jahre lange Wirtschaftsstagnation, von der sich
das Land kaum erholt hat.
Der
Finanzsektor ist also mehr oder weniger und je
nach Ort und Zeit unabhängig, und es stellt
sich heute die Frage, ob die Finanzkrise auf die
Realwirtschaft überspringen wird. Eine Theorie
besagt, dass die gegenwärtige Konjunkturabschwächung
nicht in erster Linie Folge der Finanzkrise, sondern
durch andere Faktoren bedingt sei: Anstieg der
Erdöl- und Rohstoffpreise, falsche haushalts-
und finanzpolitische Maßnahmen in Europa,
Konkurrenz der Schwellenländer etc. Die Finanzkrise
als solche treffe v. a. die USA und habe relativ
wenig Auswirkung auf die Weltkonjunktur. Die Nachfrage
aus den Schwellenländern ersetze die USA,
so lautet die so genannte Entkopplungstheorie.
Die Intervention der Staaten und Zentralbanken
verhindere eine Kettenreaktion wie in der Großen
Depression 1929 und strecke die Verluste der Banken
zeitlich. Kurzum: Die Finanz- und die Wirtschaftssphären
seien einigermaßen getrennt voneinander.
Diese
Analyse beruht auf unbestreitbaren Tatsachen,
zieht aber daraus nicht die Konsequenzen, die
ihrer optimistischen Grundhaltung zuwider laufen.
Es ist richtig, dass die Krise verschiedene Dimensionen
vereint, was besonders auf die steigenden Erdöl-
und Rohstoffpreise zutrifft. Aber diese verschiedenen
Aspekte wirken zusammen und lassen sich letztlich
auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt zurückführen,
nämlich die heutige Beschaffenheit der Weltwirtschaft.
Es dient nicht dem Verständnis der gegenwärtigen
Krise, wenn man meint, sie in getrennte Bereiche
unterteilen zu können. Dieses zeitliche Zusammenfallen
verstärkt im Gegenteil das Übergreifen
der Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Es lassen
sich im Wesentlichen sechs Verbindungskanäle
aufzeigen, die von Land zu Land unterschiedlich
schwer wiegen können:
-
Die Kreditklemme spielt eine wichtige Rolle
bei der Ausbreitung der Finanzkrise, da die
unter ihren Verlusten leidenden Banken sich
nicht refinanzieren können. Diese Einschränkungen
betreffen aber auch das Konsumverhalten und
die Investitionsneigung der Unternehmen. Besonders
ausgeprägt wird dieser Effekt in den
USA und Großbritannien sein, wo der
Konsum der Privathaushalte auf Verschuldung
beruht.
-
Die Börsenbaisse entwertet das Finanz-
und Immobilienvermögen der Haushalte
(s. Graphik 1) und bremst ihren Konsum. Dies
ist der so genannte Vermögenseffekt.
-
Die allgemeine Verunsicherung – der
„Vertrauensverlust” – lastet
auf Konsum- und Investitionsklima.
-
Die Immobilienkrise trägt als solche
zum allgemeinen Abflauen der Wirtschaftskonjunktur
bei.
-
Die erheblichen Summen, die für die verschiedenen
Rettungspakete ausgegeben werden, haben einen
Rückgang der öffentlichen Ausgaben
oder eine Steuererhöhung zur Folge.
-
Die Konjunkturabschwächung erreicht über
Handel und Investitionen die gesamte Weltwirtschaft.
All
diese Mechanismen sind gegenwärtig wirksam,
zusammen mit anderen Aspekten der Krise (Erdöl
etc.), und führen zu einer Ausweitung über
die Finanzsphäre hinaus. Insofern gibt es
keine hermetische Abschottung zwischen Finanzwirtschaft
und Realökonomie, da schließlich der
Finanzsektor ein Kernpunkt des neoliberalen Kapitalismus
ist.
Wohin
führt die Krise?
Es
wäre voreilig und überheblich, heute
sagen zu wollen, wohin uns die Krise führt,
aber eine Rückkehr zur Normalität ist
aufgrund der Tragweite unwahrscheinlich. Eines
steht auf alle Fälle fest, nämlich dass
die Grundlagen des US-amerikanischen Modells durch
die Finanzkrise infrage gestellt werden. Denn
dieses beruht auf einem doppelten Defizit: dem
Außenhandelsdefizit und der negativen Sparquote.
In beiden Fällen spielt das Finanzwesen eine
ausschlaggebende Rolle für das Zustandekommen
dieser negativen Bilanz: Auf dem Binnenmarkt hat
sie die wachsende Verschuldung besonders im Hypothekenbereich
erst ermöglicht, und nach außen läge
es eigentlich an ihr, für eine ausgewogene
Zahlungsbilanz zu sorgen. Sobald aber der Finanzmarkt
einbricht, verschwinden die Voraussetzungen für
diese Wachstumsmodell: Die Verschuldung der Haushalte
ist fortan blockiert und der Kapitalzufluss von
außen nicht mehr gewährleistet. Dadurch
führt uns die Finanzkrise zu einer dauerhaften
Konjunkturschwäche in den USA, die sich auf
den Rest der Welt übertragen wird.
Ein
Ausweg aus dieser Situation wird nicht einfach
sein. Eine wirkliche Alternative wäre die
Rückkehr zu einer Art „Fordismus”
mit einem Anstieg der Löhne entlang des Produktivitätswachstums,
einer weniger ungleichen Einkommensverteilung
und der Wiederherstellung einer ausgewogenen Außenhandelsbilanz.
Ein solches Modell ist theoretisch denkbar, setzt
aber in der Praxis eine drastische Umkehr der
gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse
voraus, was momentan illusionär scheint.
Der absehbare Wahlsieg von Obama wird kaum dazu
führen, dass ein Wirtschaftsprogramm wie
weiland unter Roosevelt erfolgen wird. Dafür
fehlen ihm der politische Wille und auch die Mittel,
da das Rettungspaket für die Banken den Haushalt
langfristig belasten wird.
Die
weitere Entwicklung der US-Wirtschaft wird weltweite
Auswirkungen haben. Eine wesentliche Stellschraube
ist dabei der Dollarkurs, der weiter fallen dürfte,
weil die USA dadurch ihren Export anschieben und
ihr Handelsdefizit abbauen können. Außerdem
würde sich die Staatsverschuldung dadurch
faktisch verringern. Zugleich dürfte damit
die Rezession auf ganz Europa übergreifen,
da dies eine empfindliche Aufwertung des Euro
zur Folge haben wird. Eine Abwertung des Dollars
oder auch der Verbleib auf gegenwärtigem
Niveau wirft auch die Frage auf, ob der Kapitalzufluss
in die USA weiterhin bestehen bleibt. Irgendwann
werden die Schwellenländer und die Ölexportnationen
abgeschreckt werden, weil die Renditen nicht ausreichen
und die Risiken zu hoch erscheinen. Andererseits
haben sie wenig Interesse an einem schwachen Dollar,
weil dadurch die von ihnen in den USA getätigten
Anlagen entwertet werden.
Auch
ein weiterer Faktor muss in Rechnung gestellt
werden: Wenn die US-Wirtschaft dauerhaft schwächelt,
geht den Schwellenländer ein wichtiger Absatzmarkt
verloren und sie werden gezwungen sein, die Nachfrage
auf dem Binnenmarkt anzukurbeln. Auch wenn es
nicht einfach ist, diese Faktoren, die sich unterschiedlich
schnell entwickeln, zu gewichten, sind zwei Prognosen
dennoch möglich:
-
Die Zeit um die Krise zu überwinden wird
abhängig sein vom Umfang der Geldmengen,
die für die Rettung des Finanzsektors
aufgewendet werden. Am wahrscheinlichsten
ist ein Szenario wie damals in Japan, wonach
es mehrere Jahre dauern wird, um die Summen
aufzubringen, die jetzt verschlungen werden,
die weit jenseits der Dimensionen der früheren
Finanzkrisen liegen. Wenn keine alternativen
Maßnahmen erzwungen werden, wird sich
der Kapitalismus – wenigstens in den
Metropolen – auf ein geringeres Wachstum
und soziale Einschnitte einstellen müssen.
Die wirtschaftliche Rezession ist bereits
angekommen und die maßgeblichen Sektoren,
wie die Automobilindustrie, stecken schon
mitten in der Krise.
-
Die Bewältigung der Krise wird einhergehen
mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen
den Hauptakteuren der Wirtschaft, die die
Auswirkungen möglichst auf die anderen
abwälzen wollen. Sozialpolitisch bedeutet
dies, dass das Kapital verschärften Druck
auf Löhne und Sozialausgaben ausüben
wird. Auf internationaler Ebene wird sich
der Handels- und Wirtschaftskrieg zwischen
den Metropolen weiter zuspitzen und tendenziell
zu einer Aufspaltung der Weltwirtschaft führen,
zumal „die USA ihre Position als Supermacht
auf dem Weltfinanzmarkt verlieren werden”,
wie es der deutsche Finanzminister ausdrückt.
Die
europäischen Dogmen auf dem Prüfstand
Die
Konkurrenz lebt auch unter der Krise fort. Die
Missklänge in den Erklärungen und Entscheidungen
auf Regierungsebene spiegeln dieses Dilemma zum
Teil wider: Einerseits herrscht Einverständnis,
dass die Krise nach globalen Lösungen verlangt,
andererseits versucht jeder, seinen Vorteil zu
wahren und möglichst sauber raus zu kommen.
Dies trifft natürlich für das Einzelkapital
zu, wie die Diskussion über die Modalitäten
des Paulson-Plans gezeigt hat, nämlich ob
alle Finanzinstitute gerettet werden sollen oder
nur die „lahmen Enten”. Umso mehr
gilt dies für das politische Einvernehmen
weltweit, wo allerorten das Wiederaufleben der
Nationalinteressen zu spüren ist.
Das
über den gesamten Weltmarkt verstreute Kapital
drängt zurück in den heimischen Hafen
und unter das Schutzschild des Nationalstaats.
Trotzdem lässt sich nicht von einer „Renaissance
des Nationalstaates” reden, da dieser letztlich
immer der Garant für die Interessen der Bourgeoisie
ist. Hier zeigen sich auch wieder einmal die Grenzen
der Theorie des Empire: Die Globalisierung hat
weder zur Aufhebung der kapitalistischen Konkurrenz
und der Rivalität unter den Kapitalisten
noch zur Bildung einer kapitalistischen Weltregierung
geführt. In Europa lassen sich die Abstimmungsprobleme
dadurch erklären, dass die Länder unterschiedlich
stark von der Krise betroffen sind. Darin zeigt
sich auch, dass es kein gesamteuropäisches
Kapital im eigentlichen Sinne gibt. Solange es
darum ging, Liquidität in das System zu pumpen,
konnte die EZB intervenieren, wenn auch immer
nur von Fall zu Fall. Sobald aber die Ausgaben
von den Einzelhaushalten der Staaten getroffen
werden mussten, zeigte sich, dass die EU aufgrund
ihrer Verfassung nicht die Mittel hat, eine solche
Krise zu meistern. Es gibt tiefe Diskrepanzen
zwischen Frankreich, das einen Rettungsplan auf
europäischer Ebene favorisiert, und Deutschland
oder Irland, die jeder für sich sprechen.
Diese Differenzen werden zweifellos vorübergehend
überbrückt werden, wenn sich die Krise
weiter ausdehnt. Dennoch wird es so sein, dass
die Krise die eigentlichen Grundlagen für
die Schaffung eines neoliberalen Europa dauerhaft
infrage gestellt haben wird. Außerdem wird
sie die strukturelle Schwäche der europäischen
Wirtschaft hervortreten lassen: „Pessimismus
macht sich breit” – selbst auf mittlere
Sicht.
Die
Auswirkungen auf die Arbeiterklasse
Im
Moment ist die allgemeine Reaktion so, als ob
die Krise eine Art Naturkatastrophe wäre,
die alle in gleicher Weise betrifft. Der französische
Premierminister Fillon appellierte natürlich
auch sofort an die nationale Einheit. In dieser
allgemeinen Panikstimmung soll sich jeder wie
ein Spekulant vorkommen. Die Bankenzusammenbrüche
werden so dargestellt, als bedrohten sie in gleicher
Weise die KleinanlegerInnen. Zwar steckt dahinter
kein Komplott, aber es trägt doch dazu bei,
die sozialen Weiterungen mit der Kernfrage: „Wer
soll den Schaden bezahlen?” zu verschleiern.
In
den Augen der Besitzenden sind zuvorderst die
ArbeiterInnen von jetzt an gefordert – nicht
so sehr als SparerInnen, sondern als Lohnabhängige
oder RentnerInnen. Die Krise hat schon Millionen
Haushalte in den USA ruiniert, aber die schwerwiegendsten
Konsequenzen stehen noch aus, v. a. für die
RentnerInnen jener Länder, in denen Pensionsfonds
am weitesten verbreitet sind: USA und Großbritannien.
In diesen beiden Ländern stand das Rentensystem
bereits kurz vor dem Bankrott, und die Rentenbezüge
werden durch den Börsencrash massiv sinken.
Dies macht deutlich, dass es definitiv schwachsinnig
ist, mit seiner Rente an der Börse zu spekulieren.
Eigentlich sollten die Rettungspakete diesen Aspekt
berücksichtigen, was der Paulson-Plan aber
natürlich nicht tut.
Die
Lohnabhängigen sind doppelt unter Beschuss:
zum einen direkt, weil die Unternehmer ihre finanziellen
Verluste durch noch striktere Lohnstopps ausgleichen
wollen, wobei ihnen die drohende Inflation oder
der Erdölpreis als Argument gereichen und
sie die allgemeine Verunsicherung ausnutzen. Zum
anderen gibt es die indirekten Auswirkungen der
Finanzkrise auf die Realwirtschaft, die in erheblichem
Umfang Pleiten und Entlassungen nach sich ziehen
werden. Die Vernichtung von Arbeitsplätzen
hat in den USA oder Frankreich bereits begonnen.
Außerdem werden die ArbeiterInnen als erste
von den Kürzungen der Sozialausgaben betroffen
sein, mit denen die Rettungspakete gegenfinanziert
werden sollen.
Abschaffung
der Finanzindustrie und soziale Sicherung
Die
Krise bestätigt in eklatanter Weise die Kritik
am Finanzkapitalismus aus Sicht der AntikapitalistInnen
und/oder der GlobalisierungsgegnerInnen. Alle
Wirtschaftsanalytiker, die die Segnungen der Finanzwirtschaft
gepriesen haben, rufen inzwischen laut nach Regulierungsmaßnahmen.
In Frankreich kann Sarkozy gar nicht harte Worte
genug finden, um die Exzesse des Kapitalismus
anzuprangern, während er sich zuvor noch
den Ausbau der Hypothekenkredite auf die Fahnen
geschrieben hatte. Die ideologische Landschaft
ändert sich rasant und die Konfusion unter
den neoliberalen Aposteln muss genutzt werden.
Trotzdem
bedeutet dies nicht automatisch, dass durch die
Krise alternative Lösungen begünstigt
würden. Die neoliberalen Konvertiten salbadern
nur und legen immer wieder neue Rettungsvorschläge
auf Basis des bestehenden Systems auf: mehr Transparenz,
bessere Bankenaufsicht, Trennung von Geschäfts-
und Investmentbanking, Ausweitung der Bilanzpflicht
auf die verbrieften Schuldtitel, Begrenzung der
Managergehälter, Rating, Reform des Aufsichtswesens
etc.
Es
geht darum, „den Kapitalismus vor den Kapitalisten
zu retten” [2], wie ein Analytiker meinte.
Die o. g. Vorschläge graben der sozialliberalen
Linken das Wasser ab, da es ihrem Programm entnommen
zu sein scheint. Eigentlich ist es das absolute
Minimum und lenkt im Grunde von den wahren Erfordernissen
ab. Sicherlich sind einige der Forderungen unterstützenswert,
wie etwa das Verbot von Steuerparadiesen, aber
es wäre naiv, ausgerechnet den Finanzaufsichtsbehörden
oder den Regierungen die Umsetzung zu überlassen.
Vielmehr müssen diese Maßnahmen in
einen umfassenderen Forderungskatalog eingebunden
werden, der an die Wurzeln des Finanzkapitalismus
reicht und die sozialen Probleme in den Vordergrund
rückt. Denn letztendlich – um es noch
einmal zu sagen – beruht der Finanzkapitalismus
auf der bewussten Vernachlässigung der sozialen
Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit.
Insofern kann man die Finanzblase nicht ein für
alle Mal zum Platzen bringen, ohne den Hahn abzudrehen,
aus dem sie sich speist.
Diese
Orientierung mag von Land zu Land variieren. Für
Europa wären zwei Kernpunkte relevant. Zunächst
die Verstaatlichung der Banken. Auf den Einwand
hin, dass genau dies doch im Moment geschieht,
ließe sich antworten, dass damit ja bewiesen
wäre, dass es möglich ist. Aber was
im Moment passiert, läuft auf eine Sozialisierung
der Verluste hinaus und dient nur der Rettung
des privaten Bankenwesens. Eine wirkliche Verstaatlichung
oder besser Vergesellschaftung muss entschädigungslos
erfolgen und auf das gesamte Finanzwesen abzielen,
da es als ganzes auch für die Krise verantwortlich
ist, egal ob selbst betroffen oder nicht. Andernfalls
liefe dies nur auf eine staatliche Unterstützung
zur Umstrukturierung des Bankensektors hinaus.
Der
zweite Punkt wäre die soziale Sicherung,
damit die staatlichen Beihilfen nicht wieder auf
eine steuerliche Bevorzugung der Reichen hinauslaufen.
Vielmehr müssen die Lohnabhängigen vor
den Folgen der Krise geschützt werden, da
ihnen dafür in keinem Fall auch nur der Funken
von Verantwortung angelastet werden kann. Gleichzeitig
müssen Maßnahmen propagiert werden,
die auf eine andere Verteilung der Einkünfte
hinauslaufen und argumentativ dem Bestreben nach
sozialer Gerechtigkeit entsprechen. Es muss verhindert
werden, dass die Unternehmen weiterhin riesige
Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten
und zugleich Leute entlassen oder Stellen abbauen
und die Löhne blockieren. Zur Verdeutlichung
sei als Beispiel Frankreich genannt, wo die Nettodividenden
12,4 % der gesamten Lohnsumme entsprechen (2007),
während 1982 das Verhältnis noch bei
4,4 % lag.
Die
Krise bietet somit die Gelegenheit, dieses Missverhältnis
wieder zu beseitigen. Statt die Löhne einzufrieren,
müssen jetzt die Dividenden eingefroren und
in einen Ausgleichsfonds gesteckt werden, der
unter der Kontrolle der Beschäftigten steht
und der anderweitigen Verwendung dient. Beispielsweise
könnten diese Summen darauf verwandt werden,
den Entlassenen ihr bisheriges Einkommen zu sichern
(das Verbot von Dividenden würde also das
Verbot von Entlassungen finanzieren) und die Sozialversicherung,
den Sozialhaushalt und die öffentlichen Ausgaben
zu finanzieren. Über die Aufteilung muss
demokratisch entschieden werden. Eine weitere
Maßnahme wäre die Sicherung der Kaufkraft
der Lohnabhängigen, indem den Unternehmen,
die sich verweigern, die öffentlichen Beihilfen
entsprechend gekürzt werden. Nur mit solchen
Maßnahmen ließe sich erreichen, dass
diejenigen bezahlen, die die Krise zu verantworten
haben, und zugleich wäre eine Basis für
eine bessere Verteilung der Reichtümer geschaffen.
Die Summen, um die es dabei geht, liegen bei 90
Milliarden Euro – entsprechend 5 % des französischen
BIP, was exakt dem Verhältnis der 700 Milliarden
Dollar des Paulson-Pakets zum US-amerikanischen
BIP entspricht.
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