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Matthias, was zeichnet die aktuelle Stadtentwicklungs-politik
in Luzern aus?
Die
Stadtregierung hat im Jahr 2007 drei Entwicklungsmodelle
präsentiert, wie die Stadt Luzern im Jahr
2022 aussehen könnte.1 Die Szenarien
malen aus, wie man Luzern zu a) einer Tourismusstadt
b) einer Grossstadt oder c) einer Wohnstadt machen
kann.
Im
ersten Szenario will sich die Stadt auf dem Markt
des High-Society-Tourimus noch besser präsentieren,
um die Umsatzzahlen in dieser Branche weiter nach
oben zu kurbeln. Das soll gelingen, indem man
weitere teure Hotels baut und für das Wohl
derer sorgt, die für Hochkultur auch mal
in eine ferne Stadt jetten. Die Stadt Luzern will
sich mit dem Charme einer Voralpenstadt und mit
topmodernen und luxuriös ausgestatten Kulturtempeln
positionieren. Die Bevölkerung der Stadt
Luzern wird zu einer Dienstleistungsgesellschaft
des weltweiten Reichtums.

In der Grossstadtvision möchte sich die Stadt
zu einer schweizweit bedeutenden Metropole entwickeln.
Luzern soll wirtschaftlich wachsen und das landesweit
wichtigste Sozialversicherungszentrum werden.
Mit hoher „Lebensqualität“ soll
die Stadt attraktiv für Bürolisten und
Manager der ganzen Schweiz werden. Lebensqualität
bedeutet hier ein gutes Verkehrsnetz mit Flughafen,
Bildungsstätten für zukünftige
Führungsspitzen und einer Umwelt, welche
die Ästhetik eines Museums besitzt. Die Bevölkerung
wird zu den perfekten Verwaltern dieses Museums.
In
der dritten Vision bleibt Luzern eine kleine pittoreske
Wohnstadt mit viel Platz für Familien und
für Wohnungen mitten im Wald. Diese gutbürgerliche
Gesellschafts-schicht, die in dieser Vision angesprochen
wird, soll in der Agglomeration oder in Zürich
arbeiten und zum Schlafen (und Steuern zahlen)
nach Luzern.
Sind
dies nur Visionen oder werden sie in der Stadt
Luzern bereits konkret umgesetzt?
Diese
Visionen spiegeln sich in vielen Umgestaltungen
wider:
Ein
Beispiel ist das ehemalige Industriequartier Triebschen.
Die alten Industriebauten wurden in den letzten
Jahrzehnten von der kulturellen Szene genutzt.
Etwa die ehemalige Schlauchfabrik Boa, die ab
1988 ein wichtiger Kulturtreffpunkt war. Oder
auch das Konzertlokal Schüür, das Theater
La Fourmi, Brockenhäuser und das Jugendzentrum
Werkhof. Genau dort entsteht nun aber die Triebschenstadt
– ein komplettes Quartier, das für
eine ganz andere Bevölkerungsschicht aus
dem Boden gestampft wird. Ein wichtiger Investor
und bereits Teil des Quartiers ist die Krankenkasse
CSS. Die Leute, die das Quartier vorher nutzten
und prägten, werden vertrieben. Bereits geschehen
bei der Boa, die mit ihrem Konzertbetrieb der
neu angesiedelten Bevölkerung auf einmal
zu laut war und nun in einem Multifunktionsbau
im Nirgendwo vor der Stadt mit einem völlig
neuen Betriebskonzept weiter existiert.
Ein
anderes Beispiel dieser Entwicklung: Im Sommer
2007 haben eine Reihe von anonymen Investoren
der Stadt Luzern 100 Millionen Franken versprochen,
falls diese damit einen weiteren Multifunktionstempel
baut – den so genannten „Salle Modulable“.
Dieser soll als Ergänzung zum KKL2
für Musiktheater geeignet sein und damit
der Stadt Luzern zu noch mehr internationalem
Ruhm im Bereich der Hochkultur verhelfen, während
das Stadttheater Luzern mit seiner regionalen
Ausstrahlung keinen Platz mehr hätte.
Von
Seiten der politischen Parteien und der Regierung
ist kaum Kritik am Salle Modulable zu hören.
Die politische Elite der Stadt scheint im Traum
versunken zu sein, Luzern zu einer bedeutenden
Kulturund Tourismusmetropole auszubauen. Gestritten
wird nur noch, wo und in welchem Rahmen dieser
betrieben wird und wer wie viel der Betriebskosten
übernimmt.
Diese
Entwicklungen treffen jedoch nicht nur die Kulturszene.
Da und dort werden Altbauwohnungen mit erschwinglichen
Mietpreisen abgerissen und durch neue grossräumige,
teure Wohnungen ersetzt.
Doch
es gibt auch Widerstand. In letzter Zeit hörte
man von Bewegungen wie der „Aktion Freiraum“,
der „Kultur-offensive“ und der Gruppe
„Zick & Zwerg“. Kannst du kurz
erzählen, wie diese Bewegung entstanden ist
und aus welchen politischen und sozialen Hintergründen
sie sich zusammensetzt?
In
Luzern gibt es seit mindestens 2003 eine stadtent-wicklungskritische
Bewegung. In jüngster Zeit war aber vor allem
die Schliessung der Boa ein wesentliches Element
für die Organisierung – daraus ist
die „Aktion Freiraum“ entstanden.
Mit dem Verbot der daraufhin geplanten Reclaim
the Streets und der Festnahme von 245 Menschen
hat die Stadt gleich selber den Beweis geliefert,
dass es höchste Zeit ist, sich breiter zu
organisieren. Denn symptomatisch für die
Stadtpolitik begründete diese das repressive
Vorgehen mit der parallel dazu stattfindenden
UEFA Fussball- EM-Auslosung.
Zudem
waren in dieser Zeit die Einführung von Videoüberwachung
und der Wegweisungsartikel Projekte, die sowohl
Teile der parlamentarischen wie auch die ausserparlamentarische
Linke bekämpften. Die in diesem Zusammenhang
aufgeworfene Frage „Wem gehört die
Stadt?“ prägte die ganze Bewegung.
Dieses
Jahr wurde mit der Lancierung der Kulturoffensive
und mit der Besetzung des Restaurant Geissmättli
ein neuer Schub in der Bewegung ausgelöst.
Die Kulturoffensive hat mehrere Diskussionsrunden
veranstaltet, im April trug man in einer farbigen
Demonstration die Anliegen auf die Strasse und
forderte in drei Volksmotionen u.a. mehr Raum
für Alternativkultur und für günstigen
Wohnraum.
Die
Szene ist also vielfältig zusammengesetzt,
wobei Leute aus dem Kulturbereich wohl schon sehr
zentral sind. Mit dabei sind aber auch Leute aus
sozialen Bewegungen, linken Jungparteien und HausbesetzerInnen.
Mit der Vergrösserung der Universität
Luzern sind auch einige Studierende hinzugestossen.
Aber auch Handwerker, die in der Stadt keinen
Platz mehr für ihre Werkstätten finden,
beteiligen sich an den Protesten.
Wie
schätzst du das Potential dieser jungen Bewegung
ein? Und was bedeutet diese Bewegung für
den (bewegungs-)politischen Kontext in Luzern?
In
Luzern hat man etwas geschafft, was leider selten
geschieht: AktivistInnen aus den unterschiedlichsten
Szenen sind zusammen gekommen, um gemeinsame Ziele
zu verfolgen – alle mit ihren eigenen Strategien.
Zwar gibt es viele Streitereien und Reibereien.
Aber beeindruckend ist, dass man sich immer wieder
zusammen findet, um gemeinsam weiter zu machen.
Und die Leute fallen sich nicht gegenseitig in
den Rücken – im Gegenteil. Parlamentarische
Initiativen werden genauso mitgetragen wie die
Besetzung vom Geissmätteli. Da sehe ich das
grosse Potenzial der Bewegung.
Doch
natürlich gibt es auch Gefahren: Die Dominanz
der Kulturszene in der Bewegung könnte dazu
führen, dass man soziale Fragen und den systemkritischen
Kontext etwas vergisst. Der Bewegung darf es nicht
nur um Alternativen im Mainstream gehen, sondern
sie muss immer auch die Frage stellen, auf wessen
Buckel diese Stadtentwicklung läuft. So kann
die Bewegung an Bedeutung und Breite gewinnen.
Die Entwicklung in Luzern ist ja kein Einzelfall.
Man lehnt sich zwar an andere Bewegungen an, wie
die Bewegung gegen Gentrifizierung in Hamburg
oder die EuroMayday Bewegung, von der man gewisse
Aktionsformen übernommen hat. Doch leider
wird der globale Kontext der Entwicklungen in
Luzern nur selten thematisiert. Luzern ist vielleicht
ein besonders anschauliches Beispiel neoliberaler
Stadtentwicklung, aber bestimmt kein Einzelfall.
1
Die Szenarien kann man sich auf Youtube als
kurze Videodokumentationen anschauen. Es
sind echte Horrorfilme, zumindest für jene,
die
mehr als nur gute Konsumenten und Steuerzahler
für die Stadt sein möchten:
www.youtube.com/user/stadtluzern
2 KKL ist die Abkürzung für Kultur-
und Kongresszentrum
Luzern: In extravaganter Architektur sind unter
anderem
Konzertsaal, Kunstmuseum und Kongresszentrum verpackt.
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Weitere
Infos
Links:
Aktion Freiraum: www.aktionfreiraum.ch
Kulturoffensive: www.kulturoffensive.ch
Netzwerk „Recht auf Stadt“:
www.rechtaufstadt.net
Buchtipp: Andrej Holm (2010):
Wir Bleiben Alle! Gentrifizierung - Städtische
Konflikte um Aufwertung und Verdrängung.
Unrast-Verlag.
Filmchen: „Abwertungskit
– Die Miete drück’ ich
mir jetzt selber“ – 6 Minuten-
Filmchen mit Anleitung zum Kampf gegen Aufwertung,
von der Gruppe „Es regnet Kaviar“:
http://esregnetkaviar.de/relaunch/videoabwertungskit.html
Konferenz: 20. INURA-Konferenz
„The Metropolitan Mainstream“,
27.-30. Juni in Zürich, Rote Fabrik.
Internationale Konferenz von INURA (International
Network for Urban Research and Action):
Austausch von StadtforscherInnen, AktivistInnen
und KünstlerInnen zur Stadtentwicklung
im Kontext der neoliberalen Globalisierung.
Mehr unter www.inura.org/
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