| "Wir
sind der Auffassung, dass Studierende fähig
sind, ihr Studium selbst in die Hand zu nehmen
und zu gestalten. Das sollte jeder und jedem ermöglicht
werden– vor allem, wenn eine kritische,
mündige Gesellschaft das Ziel ist."
Mit diesen Worten leiten die Studierenden der
Universität Wien ihren Forderungs-katalog
ein, und machen von Beginn an deutlich: Es geht
um selbstbestimmte und kritische Bildung, um mehr
Demokratie und um echte Chancengleichheit. Es
geht aber auch um eine Öffnung des Hochschulwesens
für die Gesellschaft und um eine Veränderung
der Gesellschaft selbst.
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| Demonstration
der Studierenden der Universität Wien. |
Gegen
kapitalistische Wettbewerbslogik
Schnittpunkte bildungs- und gesellschaftspolitischer
Anliegen lassen sich in fast allen Bereichen finden.
Wie viele Aktivistinnen kritisieren auch die Studierenden
der Universität München die seit mehreren
Jahren in allen Lebensbereichen herrschende Logik
des Wettbewerbs- und Verwertungsdenkens. Was sich
an den Universitäten als Orientierung von
Lehre und Forschung an Drittmittelgeldern oder
der Arbeitsmarkttauglichkeit äussert, manifestiert
sich im Alltag und Arbeitsleben beispielsweise
„in den Hartz-Gesetzen, in der Flexibilisierung
des Arbeitsmarktes, (…) und ähnlichem.
“Dieselbe Wettbewerbslogik, die zu immer
mehr Leistungsdruck und Stress bis hin zu psychischen
Belastungserkrankungen in der gesamten Arbeitswelt
führt, bedroht auch die kritische Lehre und
Forschung, da Bildung nicht als Baustein eines
selbstbestimmten Lebensgesehen, sondern lediglich
als eine Investition in die berufliche Zukunftinterpretiert
wird. „Nicht die Bildung als Grundrecht
steht im Mittelpunkt, sondern die Verwertbarkeit
des Menschen als Humankapital für Wirtschaft
und Arbeitsmarkt.“
Hochschulbildung für alle!
Der Idee von Bildung als Standortvorteil und wichtigste
Ressource Europas steht diejenige von Bildung
als Grundrechtgegenüber. In diesem Sinne
fordern zahlreiche Universitäten in Deutschland
sofortige "Barrierefreiheit an der Universität".
Hochschulbildung soll für alle frei zugänglich
sein, ausländische (auch nichteuropäische)
Abschlüsse sollen anerkannt werden, Zugangsbeschränkungen
wie der Zwang eines geregelten Aufenthaltsstatus,
Studiengebühren, mangelnde Ausbildungsbeiträge
oder gar Numerus-Clau-sus-Systeme sollen aufgehoben
werden. Für künftige Studierende ohne
Maturitätsabschluss sollen spezielle, natürlich
kostenlose Vorbereitungspro-gramme angeboten werden.
Mit der damit geforderten Öffnung der Universitäten
„nach unten“ unterstreichen die Studierenden
ihren Willen, sich nicht nur um die Verbesserung
oder den Erhalt ihres eigenen Status zu bemühen,
sondern Bildung in einem demokratischeren und
gerechteren Rahmen zu fordern.
Demokratie statt Kapitalismus
Noch grundsätzlicher werden die Protestierenden
der Universität Salzburg: „Wir verstehen
Demokratie als breites partizipatives Gesellschaftsprinzip,
welches alle gesellschaftlichen Teilbereiche,
also auch die Ökonomie, umfasst. Mit einer
demokratischen Ökonomie meinen wir eine gesellschaftliche
Produktion, in der die Bedürfnisse aller
Menschen befriedigt werden, die lebensnotwendigen
Güter für alle frei verfügbar sind,
und die Produktion selbst gemeinsam kontrolliert
wird.(.) Andererseits verstehen wir Kapitalismus
als Wirtschafts- und Gesellschaftsform, welche
auch politische Entscheidungsprozesse im Widerspruch
zu unserem breiten Demokratie-verständnis
formt.
”Die kapitalismuskritischen Grundsätze
und Forderungen vieler Studierender erklären
teilweise, warum grosse Teile der Medien nur wenig
Verständnis für die aktuellen Proteste
aufbringen wollten. Nicht selten wurden die Proteste
mit dem Vorwurf, rücksichtslos vorzugehen,
konfrontiert. Andere Zeitungen wiederum begnügten
sich damit, der Bewegung jeglichen politischen
Inhalt und Realitätsbezug abzusprechen und/oder
ihre Anliegen in einen falschen Kontext zu stellen.
Erst
der Anfang
So zahlreich die Erfolge der gegenwärtigen
Bewegungen sind, so zahlreich auch ihre Probleme.
Eine wirklich politisierte Studierendenschaft,
die einen kritischen und verantwortungsbewussten
Platz in der Gesellschaft einnimmt, muss –
vor allem in der Schweiz – erst wieder entstehen.
Auch hat es die Bewegung bisher nur sehr vereinzelt
geschafft, eine Verbindung zu anderen Teilen der
Lohnabhängigen aufzubauen, obwohl über
70 Prozent der Studierenden erwerbstätig
sind. Die Auseinandersetzung mit den Arbeits-bedingungen
der Angestellten der Universität seien hier
als Beispiel genannt. Erst wenn es aber gelingt,
die gemeinsamen Interessender Studierenden und
der Lohnabhängigen aufzuzeigen und zu verdeutlichen,
besteht die Möglichkeit, dass die Studierendenproteste
zu einer breiten sozialen und politischen Bewegung
werden. Dennoch haben die Studierenden diesen
Herbst einen wichtigen Schritt getan.
Solidaritätserklärung
der Lehrenden und Forschenden
Im Rahmen
einer internationalen Aktionswoche „Education
is not for sale“ haben auch an schweizerischen
Universitäten (Basel, Bern, Fribourg,
Genf, Zürich) zahlreiche Studierende
mit Demonstrationen, Besetzungen, Diskussionsveranstal-tungen
und oft originellen Aktionen auf ihre
Anliegen aufmerksam gemacht. Sie kritisieren
die Bologna- Reform, die allgemeine Tendenz
zur Ökonomisierung der Hochschulen,
undemo-kratische Strukturen, die Untervertretung
der Frauen bei Professuren und Leitungsfunktionen,
die soziale Selektivität (Studiengebühren
u.a.) sowie die oft schlechten Studien-
und Arbeits-bedingungen (dabei haben sie
nicht selten auch an das Reinigungspersonal
und andere Angestellte in unqualifizierter
Beschäftigung gedacht). (…)
Aufgrund unserer
Erfahrungen in Forschung und Lehre sind
wir überzeugt, dass die von den Studierenden
aufgeworfenen Fragen von grosser Bedeutung
für die Zukunft der Hochschulen sind.
Wir wissen zudem, dass auch unter den
Forschenden und Dozierenden viel Unmut
und Kritik an den gegenwärtigen Entwicklungen
im Hochschulbereich verbreitet ist. Der
mit der Verschulung des Studiums gestiegene
Betreuungs-/Kontrollaufwand, die mit der
forcierten Drittmittelorientierung verbundene
Gefahr des Verlusts an kritisch-unabhängiger
Forschung oder die in Managerdiskurse
gehüllte Bürokratisierung der
organisatorischen Strukturen der Hochschulen
führen zu einer schleichenden Verschlechterung
der Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen
Lehr- und Forschungspersonals.
Wie die protestierenden
Studierenden setzen wir uns dafür
ein, dass die Hochschulen nicht auf die
doppelte Funktion zugeschnitten werden,
einerseits mit wenig Aufwand eine grosse
Zahl von „arbeitsmarktbefähigten“
Subjekten sowie darüber hinaus eine
schmale Elite der „Exzellenz“
zu produzieren. Wir schliessen diese Erklärung
mit einem dreifachen Aufruf:
1) An die Hochschul-verantwortlichen
und die bildungspolitischen Behörden
richten wir die Aufforderung, die studentischen
Proteste ernst zu nehmen und die Bedingungen
für eine breite öffentliche
Diskussion zu schaffen, in der die an
den Hochschulen studierenden und arbeitenden
Menschen in angemessener Weise zu Wort
kommen.
2) An die Kolleginnen
und Kollegen in Forschung und Lehre wenden
wir uns mit der Aufforderung, in die aktuellen
politischen Auseinandersetzungen einzugreifen,
ihren Unmut und ihre Kritik öffentlich
zu äussern und in einen ehrlichen
und (selbst)kritischen Dialog mit den
Studierenden zu treten; dabei könnte
das Ziel verfolgt werden, ähnlich
wie die Kollegen und Kolleginnen in Österreich
einen eigenen Forderungskatalog aufzustellen
(siehe unter: http://unsereuni.at/?p=6188).
3) An die protestierenden
Studierenden richten wir die Ermunterung,
sich durch ignorante oder arrogante Reaktionen
nicht entmutigen zu lassen, sowie den
Wunsch, den Austausch mit Forschenden
und Dozierenden zu suchen sowie bei ihren
Diskussionen und Forderungen auch an die
Menschen zu denken, die keinen Zugang
zu Hochschulbildung haben.
(Gegenwärtig
haben über 200 Lehrende und Forschende
die Erklärung unterzeichnet. Anm.
der Redaktion)
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