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Regelmässig berichten die Medien über
die Gewinne von Novartis und das Gehalt von Daniel
Vasella. Aber kaum jemals ist von den ca. 100'000
Beschäftigten die Rede, deren tägliche
Arbeit hinter solchen Zahlen steht. Sie bleiben
„unsichtbar“ – umso mehr, als
sie über keine Gewerkschaften verfügen,
mit deren Hilfe sie sich Gehör verschaffen
könnten. Wer sich ein Bild von der Arbeitsrealität
dieser Lohnabhängigen machen will, muss in
die Labors und Fabriken gehen, wo die Gewerkschaftsfunktionäre
heute beinahe ebenso selten sind wie das Scheinwerferlicht
der Medien.
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Novartis
Campus: Nicht nur das äussere Bild
der Industriewerke ändert sich, sondern
auch die Arbeit im Labor und in der Fabrik. |
Die
Welt der Arbeiter…
In
der Nachkriegszeit war die Basler Chemie durch
die Opposition zweier „Arbeitswelten“
geprägt. Auf der einen Seite die „Arbeiter“,
deren kollektive Identität durch Arbeitskämpfe
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
entstanden war. Im Winter 1943-44 entwickelte
sich in Schweizerhalle eine Streikbewegung, worauf
die Chemieindustriellen 1945 widerwillig einen
Gesamtarbeits-vertrag unterzeichnen mussten. Es
war der erste richtige GAV in der Schweiz. Im
Gegensatz zum so genannten Friedensabkommen von
1937 in der Maschinenindustrie, das der „helvetischen
Sozialpartnerschaft“ zum Durchbruch verhalf,
enthielt er eine transparente Regelung der Löhne
und Arbeitsbedingungen. Vor allem aber hatten
sich die Chemiearbeiter durch ihren Kampf Respekt
verschafft: Sie waren keine armen „Kanarienvögel“
mehr, denen in der Stadt bestenfalls mit etwas
Mitleid begegnet wurde.1
… und der Angestellten
Auf
der anderen Seite gab es die Welt der „Angestellten“,
die nicht dem GAV unterstanden. Viele waren Mitglied
der Hausverbände, die sich loyal zu den Unternehmensführungen
verhielten und den Glauben an einen sozialen Aufstieg
durch individuelle Leistung und Berufsausbildung
verbreiteten. Um sie gegen „Arbeiter“
und Gewerkschaften auszuspielen, gewährten
ihnen die Unternehmen einige Privilegien: So konnten
sie unternehmenseigene Produkte zu reduziertem
Preis kaufen, durften in derselben Kantine wie
die „Doktoren“ – die Direktoren
und Forscher – essen und mussten nicht durch
dasselbe Tor wie die „Arbeiter“ das
Industrieareal betreten. Ab 1963 stellten die
Unternehmen das ausgebildete Laborpersonal als
„Angestellte“ ein. Die Laborant/innen
wurden dadurch von „Arbeiter/innen“
in „Angestellte“ verwandelt. Heute
sind dem GAV deshalb kaum noch Laborbeschäftigte
unterstellt.
Eine
aktuelle Untersuchung zeigt, dass beide Welten
durch die Veränderungen der letzten 20 Jahre
im Kern erschüttert wurden. Die industriellen
Restrukturierungen der 1990er Jah re (Rationalisierungsprogramme,
Auslagerungen, Flexibili-sierung der Arbeitsbedingungen,
massiver Stellenabbau, etc.), die im Zusammenschluss
von Ciba-Geigy und Sandoz zur Novartis gipfelten
(1996), haben den Stolz der „Arbeiter“
und „Angestellten“ verfliegen lassen.2
Diesen Umbrüchen standen die Gewerkschaften
ebenso hilflos wie die Hausverbände gegenüber.
Dasselbe gilt für gegenwärtige Veränderungen
am Arbeitsplatz, die dazu führen, dass der
Arbeitsalltag in Labor und Fabrik heute vielleicht
mehr Gemeinsamkeiten als früher aufweist.
Die
Fabrik kommt ins Labor
In
den Forschungs- und Entwicklungslabors wird das
Handwerk des qualifizierten Personals durch eine
Kombination von Laborspezialisierung und Laborautomation
erschüttert, die zur Ausbreitung von Routinetätigkeiten
führt. In zahlreichen Labors konzentriert
sich die Arbeit auf die Vorbereitung, Überwachung
und Protokollierung der immer gleichen automatisierten
Versuche. In den Forschungslabors haben die Ausrichtung
„auf den Markt“ und der Zeitdruck
zugenommen. In der pharmazeutischen Entwicklung
ist oft jeder Arbeitsschritt nach den Regeln der
Good Laboratory Practice (GLP)3
imDetail vorgeschrieben. Dabei überbieten
die Pharmakonzerne die Vorgaben der für die
Marktzulassung verantwortlichen Behörden,
um im Vergleich mit der Konkurrenz besser dazustehen.
Es werden Softwareprogramme eingesetzt, die jeden
Tastendruck der Beschäftigten abspeichern,
damit später kontrolliert werden kann, wie
und wo „falsche Daten“ entstanden
sind. Eine Laborantin im Entwicklungslabor hält
fest, sie sei bei der Arbeit vollständig
kontrolliert. Ein Kollege aus der Pharmaforschung
meint, es handle sich zunehmend um Massenproduktion
– wie in der Fabrik.
Informatik
und Autonomie in der Fabrik
Auch
in den Fabriken hat sich Einiges verändert.
In der chemischen Produktion4 stehen die Arbeiter
nur noch teilweise an „Kesseln“, die
sie „von Hand fahren“. Immer öfter
haben sie es mit integrierten Anlagensystemen
und digitaler Prozessleittechnik zu tun. Früher
beruhte der Arbeiterstolz auf der Fähigkeit,
den „Kessel von Hand zu fahren“; heute
ist Vertrauen in die Informatik gefragt. Bisher
arbeiteten hier angelernte Arbeiter; heute stellen
die Unternehmen nur noch gelernte Arbeiter ein.
In einem Werk der pharmazeutischen Produktion5
mit 1'500 Beschäftigten findet eine umfassende
Reorganisation statt. Die bisherigen Vorgesetztenstufen
werden eliminiert und durch eine einzige Funktion
ersetzt, den so genannten Teamleader. Die Beschäftigten
sollen nicht mehr „nur“ an einer Maschine,
sondern an allen Teilen der Anlage arbeiten. Sie
sollen nicht mehr „nur“ Befehle ausführen
und Vorschriften anwenden, sondern selbständig
arbeiten und Probleme lösen. Doch sie werden
in der Betriebshierarchie nicht höher gestuft
und erhalten nicht mehr Lohn als bisher. Und das
Management will hier auch in Zukunft vorwiegend
Ungelernte einstellen. Es komme eben mehr auf
die Einstellung als auf die Ausbildung an, erklärt
der zuständige Projektleiter.
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Labor
1976: Immer weniger wird heute von Hand
mit der Pipette gearbeitet. |
Personalmanagement
In
den Labors und in den Fabriken sind die Beschäftigten
mit zwei Phänomenen konfrontiert, die heute
vermutlich einen grossen Teil des alltäglichen
Leidens bei der Arbeit verursachen: der steigende
Leistungs- und Zeitdruck sowie die neuen Methoden
des Personalmanagements. Novartis wendet ein Lohnsystem
an, bei dem die Beschäftigten nicht nur nach
der Leistung, sondern auch nach dem Verhalten
beurteilt werden: Die Vorgesetzten müssen
bewerten, ob und inwiefern sich die Lohnabhängigen
den so genannten Novartis Values entsprechend
aufgeführt haben. Die Summe der individuellen
Bewertungen muss in jeder Abteilung einer Normalverteilung
nach Gauss folgen: für jede überdurchschnittliche
Bewertung muss es eine unterdurchschnittliche
geben. Unter den Beschäftigten und bei zahlreichen
Vorgesetzten ist der Ärger über dieses
System gross.
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Lesehinweis
Peter
Streckeisen. Die zwei Gesichter der Qualifikation.
Eine Studie zum Wandel von Industriearbeit.
Universitätsverlag Konstanz, 363 S.
Das Buch kann bei der Redaktion zu
reduziertem Preis (40 CHF) bestellt
werden. |
Gewerkschaftlicher
Neubeginn
Die
gewerkschaftliche Präsenz in den Fabriken
und Labors der Basler Chemie tendiert heute gegen
Null. Ein ernsthafter gewerkschaftlicher Neubeginn,
der sich nicht mit dem Verhandeln über einen
längst ausgehöhlten GAV zufrieden gibt,
müsste von den neuen Arbeitsrealitäten
ausgehen, auf Grund derer „Arbeiter/ innen“
und „Angestellte“ heute vielleicht
in neuer Form gemeinsame Interessen entdecken
könnten. Vor über 60 Jahren gelang ein
gewerkschaftlicher Aufbruch, als der Kampf gegen
den arroganten „Herr-im-Haus-Standpunkt“
der Industriellen geführt und eine transparente
Regelung der Arbeitsbedingungen durchgesetzt wurde.6
Heute äussert sich der „Herr-im-Haus-Standpunkt“
in den pseudo- wissenschaftlichen Instrumenten
des Personalmanagements, die viele Beschäftigte
als Zumutung erleben. Die Gewerkschaften sollten
diese Methoden des Personalmanagements in Frage
stellen, statt ähnliche Konzepte für
die „Führung“ ihrer eigenen Angestellten
einzuführen, wie es heute gerade geschieht.
1
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
wurden die Chemiearbeiter in Basel als
„Kanarienvögel“ bezeichnet,
weil sie nach
der Arbeit gut sichtbar die Spuren der Farbenproduktion
auf Haut und Kleidern trugen.
2 Einen guten Überblick zur Geschichte
der
Basler Chemie und zu diesen Restrukturierungen
gibt Christian Zeller: Globalisierungsstrategien
– der Weg von Novartis, Springer Verlag,
2001
3 Unter der Abkürzung GLP schreiben
die für
die Marktzulassung von Medikamenten zuständigen
Behörden vor, nach welchen Regeln in
der pharmazeutischen Entwicklung die Versuchsdaten
hergestellt werden müssen.
4 In der chemischen Produktion werden therapeutische
Wirksubstanzen für Medikamente hergestellt.
5 In der pharmazeutischen Produktion werden
aus therapeutischen Wirkstoffen und Hilfsund
Zusatzstoffen die Darreichungsformen
der Medikamente (Ampulle, Sirup, Tablette,
etc.) hergestellt und verpackt.
6 Die Kritik am „Herr-im-Haus-Standpunkt“
der Industriellen wurde insbesondere durch
Leo Löw formuliert, der beim Wiederaufbau
von gewerkschaftlichen Strukturen in der
Basler Chemie während dem Zweiten Weltkrieg
eine Schlüsselrolle gespielt hat. |
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