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Historisch
bedeutsam waren die Sozialcharakteranalysen der
Kritischen Theorie, die typische Persönlichkeitsstrukturen
im Faschismus und Fordismus beschrieben. Mit der
Flexibilisierung des Kapitalismus entstehen in
den gegenwärtigen Gesellschaften neue Ausprägungen
von Subjektivität, die ich als Hinweise auf
einen neuen, „flexiblen Sozialcharakter“
begreife.
Entfremdung
und Verdinglichung
Bereits
in seinen Frühschriften hat Karl Marx mit
seinem Begriff und Konzept von „Entfremdung“
darauf hingewiesen, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen
im Kapitalismus es den Menschen nicht erlauben,
ihr Leben frei zu entwerfen und zu gestalten.
Die Zwänge, denen sich die Individuen in
der kapitalistischen Produktion ausgesetzt sehen,
bewirken, dass sie ihrer eigenen Tätigkeit,
den Produkten ihrer Arbeit, ihren Mitmenschen
und sich selbst entfremdet gegenüber treten.
Der zentrale Zwang geht dabei von der Warenförmigkeit
der Arbeitskraft aus. Die Individuen sind gezwungen
sich selbst als Arbeitskraft wahrzunehmen und
bestimmte eigene Fähigkeiten, nach denen
eine Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt herrscht,
auszubilden und der Aufrechterhaltung der Arbeitskraft
ihre Lebensführung unterzuordnen.

Georg
Lukács interpretiert den Zwang zu Konstitution
und Verkauf der Arbeitskraft als Ursache von Verdinglichung.
Dadurch, dass die Individuen dazu gezwungen sind,
sich selbst wie ihre Umwelt ausschliesslich als
Ressource der Kapitalverwertung zu begreifen,
vollzieht sich eine Verdinglichung, die auch lebensweltliche
Zusammenhänge und die innersten Regungen
der Persönlichkeit erfasst. Wandel der Sozialcharaktere
Um die Auswirkungen der kapitalistischen Vergesellschaftlichung
auf die psychischen Strukturen analysieren zu
können, versuchte man seit den 1920er Jahren
am Frankfurter Institut für Sozialforschung
die marxsche Theoriebildung mit der Psychoanalyse
Sigmund Freuds zu vermitteln. So begreift Erich
Fromm die Freudschen Kategorien „Ich“,
„Über-Ich“ und „Es“
historisch, indem er deren Wandel im Rahmen unterschiedlicher
„libidinöser Strukturen“ (Triebstrukturen)
beschreibt. Mit den ökonomischen Transformationen
vollziehen sich auch Veränderungen der Kultur
einer Gesellschaft und der Psyche der Individuen.
Durch Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule
und Medien sowie „ökonomische Auslese“
setzen sich bestimmte Formen von Individualität
durch, die Erich Fromm als „Sozialcharaktere“
bezeichnet. Diese variieren historisch mit der
jeweiligen Gesellschaftsformation. Während
nach Fromm für den „Faschismus“
autoritäre Sozialcharakterformen typisch
sind, in denen ein selbständiges „Ich“
nur mangelhaft ausgebildet wird und Unterwerfung
unter die Mächtigen mit Aggressionen gegen
die Schwachen einhergehen, sind für die westlichen
Nachkriegsgesellschaften Züge eines „Marketing-
Charakters“ typisch, der sich durch Konformismus
und Beziehungslosigkeit zu sich selbst auszeichnet.
Diese ermöglichen ihm nachfrageorientiert
eine Persönlichkeitsfassade zu entwerfen,
die immer wieder aufs Neue an die gesellschaftlichen
Erfordernisse angepasst werden kann.
Meines
Erachtens deutet eine Reihe von kritischen, sozialwissenschaftlichen
Theorien und Studien darauf hin, dass der gegenwärtige
Wandel der Sozialisationsbedingungen in Familie
und Schule, die aktuellen Anforderungen an die
Individuen in den Arbeitsund Lebenswelten des
„flexiblen Kapitalismus“ sowie die
Veränderungen psychopathologischer Phänomene
zur Herausbildung eines „flexiblen Sozialcharakters“
beitragen.
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| Für
die Hersteller von Psychopharmaka ist das
'Leiden an sich selbst' ein gutes Geschäft.
Im Bild der geplante neue Turm der Roche in
Basel. |
Prekarisierung
der Arbeit
So
ist ein typisches Merkmal des gegenwärtigen
Wandels der Arbeitswelt die Prekarisierung einer
Vielzahl von Lohnabhängigen durch die Schaffung
von kurzfristigen Beschäftigungsverhältnissen
und Arbeitsplatzunsicherheit, geringe Entlohnung
der Arbeit und Leiharbeit. Typisch sind auch permanente
Restrukturierungen von Firmen und Konzernen mit
dem Ziel flacher, effizienter Hierarchien, einem
Zwang zu individueller Autonomie am Arbeitsplatz
und Outsourcing. Trotz neuer formaler Freiheiten
am Arbeitsplatz erhöhen sich Anpassungs-
und Leistungsdruck. In projektartigen Arbeitsverhältnissen
verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit,
Aspekte der privaten Lebensführung bzw. der
Individuen als Privatperson werden immer mehr
auch für die Ausbildung, Aufrechterhaltung
und Optimierung von deren Arbeitskraft nutzbar
gemacht und damit vereinnahmt. Damit verbunden
ist die Zuweisung individueller Verantwortung
bzw. die Betonung von individueller Autonomie.
In dieser Perspektive sind nicht mehr die Arbeitsverhältnisse
Schuld an Problemen am Arbeitsplatz, sondern das
Fehlverhalten der Erwerbstätigen.
Prekarisierung des Intimlebens
Die
Zuweisung individueller Verantwortung findet sich
auch immer mehr in der Lebenswelt, so dass private
Probleme nicht mehr als Ausdruck gesellschaftlicher
Lebensverhältnisse erscheinen, sondern als
Versagen der Individuen, die nicht mit ihrer Freiheit
umgehen können. Es verbreiten sich auch in
den Nahbeziehungen der Individuen Verhaltensweisen,
die Konsum- und Konkurrenzmustern folgen und eine
„Prekarisierung des Intimlebens“ (Zygmunt
Bauman) der Menschen bewirken, indem sich Kurzfristigkeit
und Unsicherheit durchsetzen. Zwar kommt es zu
einer neuen sexuellen Vielfältigkeit. Aber
auf der Grundlage interaktiver Aushandlungsprozesse
in sexuellen Begegnungen und Beziehungen setzt
sich auch eine neue Rationalisierung und Standardisierung
des Sexuellen durch, die zu Formen von Selbstdisziplinierung
und Selbstoptimierung führt. Erwerbsarbeit
wird immer wichtiger für das Selbstbild der
Individuen, während das Privatleben eine
Entwertung erfährt. Zugleich findet eine
Angleichung von Arbeits- und Privatleben statt,
indem unter dem Druck steigender Anforderungen
am Arbeitsplatz auch die private Lebensführung
nach Effizienzgesichtspunkten rationalisiert wird.
Den
untersuchten Studien zufolge werden in der Arbeitswelt
wie in Partnerschaft, Familie, sexuellen Verhältnissen
und Freizeitgestaltung von den Individuen die
Ausbildung von Flexibilität, Leistungsoptimierung,
Selbstkontrolle, Selbständigkeit und Selbstvermarktungsfähigkeiten
erwartet. Die sich im Kontext eines „flexiblen
Kapitalismus“ durchsetzenden arbeitsund
lebensweltlichen Anforderungs-profile nötigen
die Individuen, einen „flexiblen Sozialcharakter“
auszubilden. Dass nicht alle Individuen in gleicher
Weise diesem Anforderungskatalog gerecht werden
können, liegt auf der Hand.
Leiden
an sich selbst
Mit
dem „flexiblen Sozialcharakter“ wird
ein „Leiden an sich selbst“ erzeugt,
wie sich in ganz unterschiedlicher Weise zeigt.
Zum einen scheitern viele Individuen, die Phasen
von Kindheit und Jugend mit der Ausbildung eines
stabilen Selbst abzuschliessen und leiden daran.
Zum zweiten bewirkt der Anpassungsdruck in Arbeits-
und Lebenswelt, dass die Individuen funktionale
fragmentierte Identitäten formen, die sich
psychopathologisch vor allem durch Ich- Schwäche
auszeichnen und bei denen sich Konkurrenz- und
Optimierungszwänge tendenziell in Aggressionen
gegen sich selbst und Gewalt gegen andere entladen.
Zum dritten leiden auch die Individuen, denen
die Anpassung misslingt. Diese mögen zwar
nach wie vor mit einem stabilen Selbstgefühl
versehen sein und mit kohärenten Entwürfen
ihr Leben zu meistern versuchen, dabei treffen
sie allerdings in Arbeits- und Lebenswelt auf
die beschriebenen „pathologischen“
Zwänge zu Optimierung, Leistung, Flexibilität,
Selbstkontrolle und Selbstvermarktung. Der „flexible
Sozialcharakter“, der durch den „flexiblen
Kapitalismus“ hervorgebracht wird, ist von
individuellem Leiden an solchen Flexibilitätszwängen
unterlegt.
Johannes Gruber, Soziologe an der Uni Basel,
hat diesen Artikel auf der Grundlage seiner Dissertation
erstellt.
Lesetipps zum Thema
Boltanski, Luc / Ève Chiapello
(2003): Der
neue Geist des Kapitalismus. Konstanz.
Fromm, Erich (1999): Die Furcht vor der
Freiheit.
Gesamtausgabe Band 1, S. 217-394.
Hanzig-Bätzing, Evelyn und Werner
Bätzing
(2005): Entgrenzte Welten. Die Verdrängung
des Menschen durch Globalisierung von
Fortschritt
und Freiheit. Zürich.
Marx, Karl (1977): „Ökonomischphilosophische
Manuskripte“. In: ders. MEWErgänzungsband.
S. 467-588.
Sigusch, Volkmar (2005): Neosexualitäten.
Über den kulturellen Wandel von Liebe
und
Perversion. FaM.
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