| Noch
in den 70er Jahren – als die neuen Informations-technologien
(IT) noch im Entstehen begriffen waren –
galt es als Selbstverständlichkeit, dass
Quellcodes (Kernstück einer Software) zum
Zwecke der Qualitätsverbesserung unter Entwicklern
ausgetauscht wurden. Richtig kommerzialisiert
war zu dieser Zeit lediglich der Hardware-Sektor,
also Geräte wie Rechner, Monitor, die damals
noch ganze Räume zu füllen vermochten.
Die schnell fortschreitende technologische und
industrielle Entwicklung der ITBranche führte
dazu, dass die Hardwarekomponenten immer billiger
wurden, während die Softwareprodukte zu immer
teueren Preisen verkauft wurden. Als Reaktion
darauf fing die ITIndustrie an, ihre Quellcodes
sowie andere Betriebsgeheimnisse zu schützen.
Für die Universitäten war dies ein Rückschlag,
denn sie hatten besonders von den frei zugänglichen
Quellcodes profitiert. Viele junge EntwicklerInnen
und StudentInnen verfügten fortan aus finanziellen
Gründen nicht mehr über die Möglichkeit,
aktuelle Software zu benutzen.
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| Auch
das unverschämt teure Microsoft Office
steht als Open-Source-Variante jedem und
jeder gratis zur Verfügung. |
Hacker-Ethik
Als
Reaktion auf die zunehmende Kommerzialisierung
von Software begannen viele ProgrammierInnen nach
neuen Verbreitungsformen für ihre Produkte
zu suchen. So entstand die sogenannte Hacker-
Ethik, deren Maxime „Information wants to
be free“ (Information will frei sein) lautete.
1985
folgte die Gründung der „Free Software
Foundation-Stiftung“, welche sich der Förderung
von frei zugänglicher Software verschrieb.
1989 wurden die verschiedenen Lizenzen, die sich
parallel zueinander entwickelt hatten, zu der
sogenannten GNU-GPL (GNU General Public License)
zusammengefasst. Die GPL stellt bis heute die
wichtigste Lizenz im Open-Source-Bereich dar.
Mit der Einführung des ersten GPLBetriebssystems
„Linux“ im Jahre 1993 erlebte Open-Source
einen starken Aufschwung.
Open-Source
als echte Konkurrenz
Mittlerweile
existiert eine Vielzahl an frei zugänglicher
Software, die sich durchaus mit kommerzieller
Software messen kann. Das Betriebssystem Linux
etwa hat auf Grund seiner höheren Sicherheit
und Stabilität vor allem im Serverbereich
sogar die Marktführung übernommen. Im
Bereich der Super-Computer (mehrere Computer werden
zusammengeschaltet, um grosse Rechenleistung zu
erzielen), ist Linux mit 70% Marktanteil schon
beinahe in einer Monopolposition. Im Desktop-Bereich
(private Anwendung im Alltag) wird Linux noch
zu sehr durch die Monopolstellung Microsofts behindert.
Mittlerweile
setzen auch Megakonzerne wie etwa Google auf Linux,
um ihre Server zu betreiben. Natürlich hat
sich mit dem Erfolg von Linux bzw. Open-Source
auch ein Feld für Firmen aufgetan, die kommerziell
Software entwickeln. Sogenannte Distributoren
wie Suse oder Mandravia, stellen Software- Pakete
zusammen, bieten Support an oder verfassen Handbücher
zu ihrer Software. Gleichwohl gehören die
Produkte aber weiterhin der Allgemeinheit und
sind nicht urheberrechtlich geschützt.
„Just
for fun“ Dass
sich in einem eigentlich kommerziell erschlossenen
Wirtschaftsbereich weltweit tausende SoftwareentwicklerInnen
unentgeltlich betätigen, zeugt von viel Engagement
und Überzeugung. Die Gründe dafür
sind vielfältig und teilweise banal: „Just
for fun“ lautet etwa der Titel des von Linux-
Gründer Linus Torvalds geschriebenen Buches,
womit er eine wichtige Motivationsquelle der Open-Source-
Gemeinde und seiner Arbeit selbst auf den Punkt
bringt.
Die
Mitarbeit an Open-Source-Projekten bringt aber
auch Annerkennung und Bestätigung geleisteter
Arbeit. So gilt Linus Torvalds als der mit Abstand
beliebteste Softwareentwickler und vermag ganze
Hörsäle zu fülle. An Konferenzen
füllt er riesige Hörsäle. Ganz
im Gegensatz zu Bill Gates (Gründer von Microsoft)
übrigens, der eher verhasst ist.
Subversive
Freizeitbeschäftigungen
Open-Source
ist ein Paradebeispiel dafür, wie aus einer
anfänglich reinen Freizeitbeschäftigung
Projekte entstehen können, die Bereiche des
kapitalistischen Alltagesumgehen und teilweise
konkurrenzieren können. Dass bis heute keine
tiefgreifende Kommerzialisierung stattgefunden
hat, ist dabei aussergewöhnlich. Schliesslich
existieren ja auch keine Schreinergemeinden, die
in ihrer Freizeit Möbel herstellen und diese
zum Selbstkostenpreis verkaufen oder frei zur
Verfügung stellen. Und gäbe es sie doch,
wären sie wohl kaum in der Lage, grosse Unternehmen
wie etwa Ikea oder Möbel- Pfister zu konkurrenzieren.
Arbeitsweise
Die
Arbeitsweise der Open-Source- Gemeinde ist dezentral
organisiert und verläuft oftmals spontan.
So sind sich die Beteiligten eines Projektes oft
sowohl in Bezug auf das Ziel als auch den Weg
dort hin uneinig. Da es - anders als bei einer
Firma - keinen Vorgesetzten gibt, hat die Open-Source-Gemeinde
alternative Konfliktlösungswege gefunden.
Kommerziell agierende Softwareunternehmen programmieren
ihre Software in der Regel unter Geheimhaltung
aller relevanten Programminformationen solange,
bis eine einigermassen stabile (funktionsfähige)
Version veröffentlicht wird. Bei Open-Source-Projekten
werden sämtliche Entwicklungsfortschritte
online veröffentlicht und stehen somit anderen
EntwicklerInnen zur Verfügung. Die Zwischenergebnisse
werden von sogenannten Beta-TesterInnen auf Herz
und Nieren geprüft, Verbesserungsvorschläge
werden zurückgemeldet oder gleich selber
integriert.
Bestehen
zwischen einzelnen Entwicklergruppen unvereinbare
Differenzen (Wie soll ein Programm funktionieren,
wie soll es aussehen?), kommt es in der Regel
zu einem Fork (Gabelung). Fortan wird das Projekt
parallel von zwei Gruppen weiterentwickelt. Welche
Version sich schliesslich durchsetzt, entscheidet
sich mit dem Erfolg und der Akzeptanz bei den
BenutzerInnen. Somit setzen sich - ähnlich
wie auch auf dem „freien“ Markt -
die besseren Produkte durch, allerdings ohne dass
dabei Monopole entstehen, die ihre Konkurrenz
durch kommerzielle Vermarktungsstrategien behindern
könnten. Der Entscheidungsprozess verläuft
somit basisdemokratisch.
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| Linus
Torvalds, Erfinder des Open-Source Betreibssystems
Linux und der wohl beliebteste Software-entwickler. |
Entfremdung
Aus
marxistischer Sicht hebt das Open- Source-Prinzip
viele Aspekte der Mechanismen auf, die unter dem
Begriff Entfremdung zusammengefasst werden:
-
Alle Produkte gehören der Gesellschaft,
womit die Produzierenden selbst natürlich
auch uneingeschränkten Zugang zu ihrer
Arbeit haben.
-
Auch während des Produktionsprozesses
sind die ArbeiterInnen autonom und frei von
äusseren Zwängen. Sie können
selber entscheiden, in welche Richtung sich
ihr Produkt weiterentwickelt.
-
Die Entfremdung der Arbeitenden von seinen
Mitmenschen, die im kapitalistischen Alltag
oft eintritt, dürfte auf Grund der kollektiven
Entscheidungsprozesse und des regen Austausches
mit Beta-TesterInnen usw. ebenfalls weniger
ausgeprägt sein.
Open-Source
und Politik Die
Motivation der Open-Source-Schaffenden ist nicht
in erster Linie politischer Natur. Allerdings
ist eine offene oder indirekte Kritik an Microsoft
sowie Monopolisierungstendenzen allgemein offensichtlich.
So existiert beispielsweise ein Coca-Cola-Projekt,
welches die Rezeptur für Cola unter der GPL
veröffentlicht hat. Durch den Erfolg von
Open Source ist es für viele Open-Sourceler
naheliegend, ihr Konzept auch in anderen Bereichen
zu etablieren.
Da
die Open-Source-Gemeinde viel Erfahrung in solidarischer
und demokratischer Zusammenarbeit hat, steht sie
alternativen Ideen zur kapitalistischen Produktionsweise
relativ offen gegenüber.
Chaos
Computer Club Der
aus Open-Source hervorgegangene „Chaos Computer
Club (CCC)“ setzt sich für die Durchsetzung
echter Informationsfreiheit und für ein Menschenrecht
auf Kommunikation ein.
Der
CCC engagiert sich gegen Medienzensur oder prangert
die Unsicherheit von Wahl-Computern an. Er steht
auch für das Recht auf private Musikkopien
(von der Mus ikindus t r i e a ls „Raubkopien“
bezeichnet) ein. Seit dem 11. September wurde
im IT-Bereich eine wahre Flut von Gesetzen der
Zensur, der Datenüberwachung sowie der Einschränkung
bürgerlicher Rechte ausgelöst. Biometrische
Pässe, Video-Überwachung, Vorrats-Daten-Speicherung
und Anti- Terror-Dateien sind nur einige der wichtigsten
„Innovationen“.
Es
ist schwer abzuschätzen, in wie weit die
Open-Source-Gemeinde für politische Projekte
ausserhalb ihres bisherigen Themenbereiches zu
gewinnen ist. Gerade im Schutz vor der Internetdatenüberwachung
oder der Umgehung von Software- Patenten wird
sie wohl auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. |